Starke Signale
für die Bahn
Nord-Süd, West-Ost: Deutschlands wichtigste Bahnkorridore sollten als zentrale Achsen der Mobilität Höchstleistungen bringen. Nicht einfach angesichts der stark verdichteten Verkehrsinfrastruktur des Landes. Doch Initiativen und Innovationen in der Gesamtbranche zeigen: In Etappen kann die Reise Richtung Zukunft klappen.
05/2026

Deutschlands Schienenverkehr braucht eine neue, durchgängige Infrastruktur für den Personenverkehr und ebenso für den Gütertransport. Statt Hochbelastung künftig Hochleistung. Die Bahnindustrie und ebenso die Eisenbahnunternehmen sind bereit, daran mitzuwirken. Im Porsche Consulting Magazin kommen sie zu Wort. „Am wichtigsten ist eine Modernisierung und damit einhergehend eine konsequente Digitalisierung der Infrastruktur. Der Fernverkehr auf der Schiene hat enorm viel Potenzial, die Nachfrage dafür ist riesig. Jetzt wird es wichtig sein, dass die Anzahl der Verspätungen minimiert und das Angebot insgesamt verlässlicher wird. Dafür sind Investitionen ins Schienennetz unerlässlich“, sagt André Schwämmlein, Mitgründer und Chief Executive Officer des Münchner Unternehmens Flix – bekannt durch seine grünfarbenen Linienbusdienste im Straßenfernverkehr und auch durch Flixtrain auf der Schiene.

Milliarden für schnelle Züge
Schwämmlein und seine Leute drehen gerade, auch dank vertrauensvoller Investoren, ein besonders großes Rad: Im Mai 2025 hat Flixtrain 65 Hochgeschwindigkeitszüge für den Personenverkehr bestellt. Das Unternehmen spricht von einem Vertragsvolumen von 2,4 Milliarden Euro, inklusive spezifischer Wartungsleistungen. Lieferanten der bis 230 Stundenkilometer schnellen Züge sind der spanische Hersteller Talgo (Wagen) und Siemens (Vectron Lokomotiven). Dafür gab es schon bei der Ankündigung Lob von Deutschlands Bundesminister für Verkehr, Patrick Schnieder: „Dass ein deutsches Tech-Unternehmen in dieser Größenordnung investiert, ist ein starkes Signal für den Schienenmarkt”, sagte der Politiker. Klar, doch jetzt müssen die Signale für die digitale Schiene schnell auf Grün umgeschaltet werden. Sonst können selbst neueste Züge ihre technologische Leistung nicht frei entfalten.
André Schwämmlein, der seine Firma erst 2013 als Start-up aus der Taufe gehoben hat, bald danach mit dem renommierten Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet wurde und Flix heute als Travel-Tech-Unternehmen beschreibt, ist zuversichtlich in puncto Infrastruktur der Bahn. Er sagt: „Es braucht zuallererst mal ein Commitment der Politik und das sehen wir. Ich nehme eine Aufbruchstimmung bei der aktuellen Regierung wahr. Es ist klar verstanden worden, dass die Schiene essenziell für die Zukunft der Mobilität in Deutschland ist und dass investiert werden muss.“ Große Hoffnungen schöpft der Flix-Chef aus der Bahnstrategie: „Darin hat sich das Verkehrsministerium die erfolgreiche Digitalisierung in unterschiedlichen Bereichen zum Ziel gesetzt. Es ist Aufgabe der Politik, diese Maßnahmen konkret auszugestalten und bei Bedarf zu bündeln.“

Schwämmlein weiß, dass der Bedarf der Fahrgäste, deren Sicht und deren Urteil ausschlaggebend für den Personenverkehr sind: „Damit das System Schiene erfolgreich sein kann, braucht es kundenorientierte Lösungen. Das bedeutet: einfache, unkomplizierte und digitale Buchung, attraktive Fahrpläne und ein gutes Produkt auf der Schiene selbst.“ Das Engagement von Flix sieht der CEO sportlich: „Wir glauben, dass Wettbewerb entscheidend ist, damit das Angebot als solches attraktiver wird.“
Auf den Takt kommt es an
An mehr Attraktivität für den Schienenverkehr arbeiten viele Partner in der Bahnindustrie. So auch Hitachi Rail. Die in Europa ansässige Mobility Unit des japanischen Großkonzerns Hitachi modernisiert und digitalisiert derzeit zahlreiche Streckenabschnitte und Knotenpunkte der deutschen Bahninfrastruktur. Dabei kommt eigene Technik zum Einsatz, die seit vielen Jahrzehnten in Deutschland entwickelt und hergestellt wird. Für Isabel Vollers, seit Oktober 2025 CEO und Country Director der Hitachi Rail Deutschland, ist die zentrale Frage: „Wie bekomme ich die maximale Kapazität auf die bestehende Infrastruktur unseres Landes?“ Sie sagt: „Es können in der bereits sehr dichten Verkehrs- und Städteinfrastruktur Deutschlands nicht so einfach mehr Gleise gebaut werden. Wir brauchen höhere und verlässliche Taktzeiten auf der vorhandenen Infrastruktur. Mit ETCS, mit digitalen Stellwerken und einem integrierten Leit- und Bediensystem als Schnittstelle zwischen Menschen und Maschinen können wir das schaffen.“ ETCS ist ein europäisches Zugbeeinflussungssystem (European Train Control System), das herkömmliche Streckensignale durch digitale Signaltechnik ersetzt. Sie überträgt zum Beispiel Fahrbefehle und Geschwindigkeitsbegrenzungen direkt an den Führerstand, sodass der Lokführer präziser fahren kann. Durch die Echtzeitkommunikation zwischen Zügen und Infrastruktur verbessert ETCS die Sicherheit, erhöht die Zuverlässigkeit und steigert die Kapazität des vorhandenen Schienennetzes.

Gemeinsame Initiativen als Schlüssel
Für Bahnexperte Marc Zacherl, Senior Partner und Branchenleiter Transport bei der Managementberatung Porsche Consulting, ist klar: „Die Digitalisierung der Schiene in Deutschland ist unabdingbar. Sie ist erforderlich aufgrund fragmentierter Insellösungen, veralteter Technik, demografischen Wandels und zur Erreichung von Wachstums- und Kapazitätszielen. Darüber hinaus ist die Digitalisierung ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Pünktlichkeit.“ Bei der erfolgreichen Transformation sieht Berater Zacherl die Topmanagements der gesamten Bahnindustrie gemeinsam mit den Schienenverkehrsunternehmen in der Pflicht. Er empfiehlt enge Zusammenarbeit der Beteiligten, wobei der deutsche Staat die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen müsse.

Marc Zacherl fokussiert sich auf drei Schwerpunkt-Initiativen: „Erstens: Die Digitalisierung der Infrastruktur und der Fahrzeuge. Der Infrastrukturausbau muss verlässlich geplant und finanziert werden. Staatliche Finanzierungsprogramme sollten diese mittelfristigen Planungen absichern und die Einbindung von Privatkapital ermöglichen. Notwendig ist zudem die Entwicklung eines grenzüberschreitenden Masterplans, um die Leitplanken für den Schienenverkehr zu setzen. Zweitens: Europaweite Standards müssen etabliert werden. Gesetzliche Rahmenbedingungen sollten die Digitalisierung des Schienenverkehrs unterstützen, insbesondere durch harmonisierte Anforderungen für Automatisierung und Digitalisierung. Drittens: Innovationen sollten gefördert werden. Gezielte Anreize für die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien sind nötig. Dazu gehören auch Förderprogramme für Start-ups, die innovative Lösungen entwickeln, sowie Pilotprojekte zur Bewertung neuer Technologien.“

Der Zeitplan reicht bis 2050
Ähnlich sieht es auch Dr. Heike van Hoorn, Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrsforums, DVF. Der Wirtschaftsvereinigung gehören 160 Mitgliedsunternehmen an, sie repräsentieren verschiedene Verkehrsträger. Van Hoorn: „Es duldet keinen Aufschub mehr. ETCS muss flächendeckend und systematisch ausgerollt werden. Dazu gehört, dass die Korridore, die saniert werden sollen, möglichst sofort mit ETCS ausgerüstet werden. Schließlich hat Deutschland durch europäische Vorgaben, an denen es selbst mitgearbeitet hat, eine Ausrüstungspflicht. Von diesen gemeinsam vereinbarten Zielen ist Deutschland meilenweit entfernt. Der Zeitplan sieht vor, dass das europäische Kernnetz bis 2030, das erweiterte Kernnetz bis 2040 und das Gesamtnetz bis 2050 mit ETCS ausgestattet ist. Ende 2024 lagen wir jedoch nur bei 1,6 Prozent der Schienenwege in Deutschland. Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Funktionalität haben sich im Betrieb im In- und Ausland, etwa auf der Neubaustrecke Erfurt–Leipzig/Halle, längst erwiesen.“

Wichtig ist van Hoorn ebenso die Fahrzeugförderung: „Die Ausrüstung der Fahrzeuge mit On-Board-Units ist elementarer Bestandteil des Systems und muss finanziell unterstützt werden. Das können die Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht komplett aus eigener Tasche bezahlen. Fahrzeug und Infrastruktur müssen gemeinsam gedacht werden.“
„Die Umsetzung beschleunigen!“

Vita Marc Ludwig

