Einblick

Schluss mit Homeoffice?

Im Berufsleben hat längst nicht jeder die Chance, überwiegend zu Hause zu arbeiten. Wer aber – vorübergehend – Anspruch auf Homeoffice hat, möchte diesen Vorteil nicht mehr hergeben. Das Thema ist kontrovers. „Doch es gibt gute Wege, Konflikte zwischen Arbeitgebern und Personal gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt der Autor dieses Beitrags: Dr. Wolfgang Freibichler, Partner bei der Managementberatung Porsche Consulting.

02/2024

Kommt der Tapetenwechsel? Das Homeoffice ist gern genutzte Routine. In der Firma steht unterdessen das Büro leer. Jetzt rufen Unternehmer ihr Personal zurück an den betrieblichen Arbeitsplatz, wollen mehr Sichtbarkeit. Oft löst das Konflikte aus. Porsche Consulting/Clara Nabi

Zurück ins Büro? Home­of­fice ist für viele Berufs­tä­ti­ge so attrak­tiv gewor­den, dass sie sich am liebs­ten nur noch sel­ten auf den Weg zu ihrem Arbeits­platz im Unter­neh­men machen. Dar­auf muss­ten und müs­sen Geschäfts­füh­run­gen und Per­so­nal­ver­ant­wort­li­che reagie­ren. Aber wie? Was ist ange­mes­sen? Mit wel­chen Model­len hält man Mit­ar­bei­ten­de und wie fin­den sich neue? Unge­wohn­te Fle­xi­bi­li­tät ist gefragt – beim Unter­neh­men und allen sei­nen Füh­rungs­kräf­ten genau­so wie beim Per­so­nal. Wie es funk­tio­nie­ren kann, zeigt eine große Ver­si­che­rung, die in Busi­ness-Ran­kings als Top-Arbeit­ge­ber geführt wird.

Die Zurich Grup­pe Deutsch­land ist mit „Flex­Work 2.0“ erfolg­reich – ihrem neuen Arbeits­mo­dell, das den Men­schen viel Gestal­tungs­spiel­raum bie­tet. Ein­ge­flos­sen sind dabei Erfah­run­gen, die Zurich sowohl wäh­rend der Home­of­fice-Pflicht in der Coro­na-Hoch­pha­se als auch kurz danach gesam­melt hat – zu Zei­ten, als die Anwe­sen­heit im Büro vor­über­ge­hend frei­wil­lig war. Neues Ziel sei, so Zurich, „eine gesun­de Balan­ce zwi­schen nach­hal­ti­gem Unter­neh­mens­er­folg und den eige­nen Bedürf­nis­sen zu schaf­fen“. „Flex­Work 2.0“ unter­schei­det zwi­schen drei Office-Typen, die den Mit­ar­bei­ten­den unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen an Fle­xi­bi­li­tät bei der Wahl des Arbeits­or­tes ein­räu­men: Beim FixOf­fice-Typ wird die Arbeit zu 100 Pro­zent der ver­ein­bar­ten Arbeits­zeit an einem fes­ten Arbeits­platz in den Betriebs­tät­ten erle­digt. Zurich Mit­ar­bei­ten­de, die dem Office-Typ „Home­Of­fice“ zuge­ord­net sind, arbei­ten bis zu drei Tage von zu Hause aus und zwei Tage in der Betriebsstätte.

94 Prozent der deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden bieten Homeoffice an. Je kleiner die Betriebe, umso seltener wird die Chance auf flexibles Arbeiten. Das ergab eine Umfrage der Wirtschaftsforscher des Münchner ifo-Instituts bei 540 Personalleitern im Auftrag von Randstad (2023). 59 Prozent der Berufstätigen wollen ihren Arbeitsort zumindest teilweise selbst wählen können. Rund 40 Prozent würden einen Job sonst gar nicht annehmen. Beim Berufsnachwuchs (18-24 Jahre) besteht jeder Zweite auf Homeoffice, so die Studie „Randstad Arbeitsbarometer“.Randstad/ifo-Institut

Die größ­te Fle­xi­bi­li­tät zeich­net den FlexOf­fice-Typ aus, der für die über­wie­gen­de Anzahl der Mit­ar­bei­ten­den gilt. Im „FlexOf­fice“ folgt der Arbeits­ort der Auf­ga­be. Die Mit­ar­bei­ten­den kön­nen unter Ein­bin­dung ihrer Füh­rungs­kraft ent­schei­den, wo der für die Auf­ga­be am bes­ten geeig­ne­te Arbeits­ort ist. Die­ser kann sowohl inner- als auch außer­halb der Betriebs­ge­bäu­de lie­gen. Feste An- und Abwe­sen­heits­ta­ge gibt es nicht – es sei denn, ein dienst­li­ches Inter­es­se setzt die Prä­senz im Büro­ge­bäu­de vor­aus. Je Quar­tal kann bis zu 50 Pro­zent außer­halb der Betriebs­stät­te gear­bei­tet wer­den. Dadurch sinkt der Platz­be­darf. Frei­wer­den­de Büro­be­rei­che an den Stand­or­ten hat Zurich umge­wan­delt, zum Bei­spiel in Bespre­chungs- und Kreativarbeitsflächen.

Anwesenheit ist noch keine Leistung

Dr. Cars­ten Schild­knecht, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Zurich Grup­pe Deutsch­land, for­mu­liert die Inten­ti­on sei­nes Unter­neh­mens so: „Mit Flex­Work 2.0 drü­cken wir das hohe Ver­trau­en aus, das wir in unse­re Mit­ar­bei­ten­den set­zen. Wir ermög­li­chen Frei­raum bei der Wahl des Arbeits­or­tes, machen aber gleich­zei­tig deut­lich, dass uns als Unter­neh­men auch der direk­te Kon­takt zu Kun­den und Part­nern sowie das per­sön­li­che Mit­ein­an­der der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wich­tig sind.“

Dr. Carsten Schildknecht, Vorstandsvorsitzender der Zurich Gruppe Deutschland, ermöglicht Freiraum bei der Wahl des Arbeitsortes und sagt: „Wir setzen hohes Vertrauen in unsere Mitarbeitenden.“Zurich/Richard Unger

Das Bei­spiel Zurich zeigt, dass neue Rege­lun­gen der Zusam­men­ar­beit neue Denk­wei­sen erfor­dern. Für Füh­rungs­kräf­te aller Ebe­nen ändern sich Rolle, Auf­ga­ben und Auf­tre­ten. Statt Kon­trol­le ist Koor­di­na­ti­on gefragt. Anwe­sen­heit im Büro allein ist noch keine Leis­tung. Wie und wo die Leis­tung erbracht wird, kann im Ermes­sen der Mit­ar­bei­ten­den lie­gen. Die Ver­ant­wor­tung, dass gesetz­te Ziele erreicht wer­den, liegt bei den Vor­ge­setz­ten. Moder­ne Che­fin­nen und Chefs set­zen mehr Ver­trau­en in die Selb­stän­dig­keit ihrer Team­mit­glie­der. Zugleich gewähr­leis­ten sie durch kluge Dis­po­si­ti­on von Kom­pe­ten­zen und Kapa­zi­tä­ten den Bei­trag zum Unter­neh­mens­er­folg. Len­ken ist die Kern­auf­ga­be – ent­lang der Leit­plan­ken, die sich jedes Unter­neh­men und jede Orga­ni­sa­ti­on inner­halb ihrer Zusam­men­ar­beits­mo­del­le indi­vi­du­ell set­zen sollten.

Freiraum heißt auch Verantwortung

Sol­che Leit­plan­ken sind wich­tig für die Ori­en­tie­rung. Doch offen­bar sind sie noch Man­gel­wa­re. Erst 27 Pro­zent der deut­schen Unter­neh­men, die Por­sche Con­sul­ting befrag­te, ent­wi­ckeln bereits neue Leit­plan­ken als Regeln für moder­ne For­men der Zusam­men­ar­beit. Damit sie ihre Wir­kung ent­fal­ten, ste­hen auch vor­han­de­ne Ziel- und Anreiz­sys­te­me auf dem Prüf­stand. Denn je mehr Frei­raum und Ver­ant­wor­tung das Per­so­nal erhält, desto mehr Bedeu­tung bekommt ein Sys­tem, das die indi­vi­du­el­le Ziel­er­rei­chung misst und mit per­sön­li­chen Anrei­zen durch erfolgs­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung kom­bi­niert. Schließ­lich bedin­gen freie­re Arbeits­for­men auch, dass Mit­ar­bei­ten­de zu mehr unter­neh­me­ri­scher Ver­ant­wor­tung moti­viert wer­den. Und dass sie sich nicht län­ger in der Rolle sehen „nur aus­zu­füh­ren, was Vor­ge­setz­te vorgeben“.

Nicht jeder Beruf eignet sich fürs Homeoffice. So besteht zum Beispiel bei Anlagen- und Maschinenbedienern, Handwerkern und Dienstleistern in aller Regel Anwesenheitspflicht. Hier sind Unternehmen gefordert, alternative Lösungen für flexiblere Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die Firmen und Mitarbeitenden gleichermaßen entgegenkommen. Arbeitskräfteerhebung/Statistisches Bundesamt (Destatis)

Por­sche Con­sul­ting hat – im Rah­men der Ana­ly­se Chan­ge Manage­ment Com­pass – Top-Mana­ger der 100 größ­ten Unter­neh­men in Deutsch­land zur ver­än­der­ten Situa­ti­on in wei­ten Berei­chen des Arbeits­le­bens befragt. Dabei teil­ten 90 Pro­zent der Befrag­ten eine wich­ti­ge Beob­ach­tung: Men­schen im Beruf, die den Frei­raum erhal­ten, Zeit, Ort und Fokus ihrer Arbeit selbst zu bestim­men, sind viel pro­duk­ti­ver. Die Resul­ta­te der Umfra­ge zei­gen aber auch: Jeder zwei­ten Füh­rungs­kraft in Deutsch­land fällt es nicht leicht, mehr Ver­ant­wor­tung an ihre Mit­ar­bei­ten­den zu über­tra­gen. Das beob­ach­tet auch Uwe Schö­pe, der erfah­re­ne Per­so­nal­vor­stand und Arbeits­di­rek­tor der Zurich Grup­pe Deutsch­land. In einem TV-Inter­view sagte er: „Es gibt Chefs, die mit dem Home­of­fice gut umge­hen kön­nen, den Mit­ar­bei­ten­den Frei­hei­ten geben, und das Team ist trotz­dem pro­duk­tiv. Ande­re benö­ti­gen etwas Anlei­tung, um dahin zu kommen.“

Uwe Schöpe, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Zurich Gruppe Deutschland, spricht aus Erfahrung: „Es gibt Chefs, die mit dem Homeoffice gut umgehen können, den Mitarbeitenden Freiheiten geben, und das Team ist trotzdem produktiv.“ Zurich/Jörg Sänger

Balance und Gespür

Grund­sätz­lich soll­te jedes Unter­neh­men – gemein­sam mit der Beleg­schaft – die pas­sen­de Balan­ce zwi­schen Home­of­fice und Büro­an­we­sen­heit fin­den. Regel­mä­ßi­ge per­sön­li­che Tref­fen am Arbeits­platz haben sozia­le Rele­vanz und sind wich­tig für ein gutes Betriebs­kli­ma. 63 Pro­zent der Füh­rungs­kräf­te, die Por­sche Con­sul­ting für den Chan­ge Manage­ment Com­pass befragt hat, sind über­zeugt davon, dass mög­li­che Sor­gen des Per­so­nals in der Remo­te-Zusam­men­ar­beit aus dem Home­of­fice weni­ger sicht­bar sind und des­halb weni­ger gut erkannt und ver­stan­den wer­den kön­nen. Das gemein­sa­me Arbei­ten im Team vor Ort ist wich­tig, aber nicht jeden Tag nötig. Die Mischung macht es.

Unter­su­chun­gen von Por­sche Con­sul­ting in unter­schied­li­chen Bran­chen erga­ben: Team­mit­glie­der soll­ten sich zumin­dest ein­mal wöchent­lich gemein­sam am Arbeits­platz tref­fen. Das för­dert unter ande­rem den nicht zu unter­schät­zen­den infor­mel­len Aus­tausch im Kol­le­gen­kreis und das gegen­sei­ti­ge Ler­nen von­ein­an­der im Direkt­kon­takt. So sieht es auch der Per­so­nal­vor­stand der Zurich Grup­pe Deutsch­land: „Wir sind der Über­zeu­gung, dass es für eine funk­tio­nie­ren­de Unter­neh­mens­kul­tur wich­tig ist, dass ein regel­mä­ßi­ges per­sön­li­ches Mit­ein­an­der statt­fin­det. Wir bei Zurich wol­len das ‚Wir‘ wei­ter stär­ken“, betont Uwe Schöpe.

Flexibilität für alle

Die Ten­denz ist deut­lich: Ein strik­tes „Schluss mit dem Home­of­fice“ passt nicht in die ver­än­der­te Arbeits­welt. Es braucht fle­xi­ble und dif­fe­ren­zier­te Lösun­gen. Und die Chan­cen ste­hen gut, die Ver­ein­bar­keit des Berufs mit Fami­lie und Pri­vat­le­ben gene­rell auf eine neue Stufe zu heben. Eben­so ent­las­ten Home­of­fice-Lösun­gen etwa Men­schen, die Ange­hö­ri­ge pflegen.

2022 haben 24,2 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland zu Hause gearbeitet. 14,7 Prozent verbrachten täglich oder mindestens die Hälfte der Arbeitszeit im Homeoffice. Das ist eine Verdoppelung gegenüber dem Vor-Corona-Niveau. Selbstständige mit Beschäftigten arbeiten mit einem Anteil von 38,7 Prozent deutlich häufiger von zu Hause aus als abhängig Beschäftigte (22,1 %). Arbeitskräfteerhebung/Statistisches Bundesamt (Destatis)

Eines darf bei der Dis­kus­si­on ums Home­of­fice nicht ver­ges­sen wer­den: Nur ein Teil der Berufs­tä­ti­gen kommt in den Genuss des fle­xi­ble­ren Arbei­tens. In Deutsch­land waren es im Jahr 2022 ins­ge­samt 24,2 Pro­zent der Erwerbs­tä­ti­gen, ermit­tel­te das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt. Umge­kehrt heißt das: Drei­vier­tel der Arbeit­neh­mer in Deutsch­land üben ihre Tätig­keit wei­ter­hin jeden Tag in der Firma aus. In vie­len Beru­fen besteht strik­te Anwe­sen­heits­pflicht, bei­spiels­wei­se bei der Bedie­nung von Anla­gen und Maschi­nen, im Hand­werk oder im sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del. Doch auch hier sind Arbeit­ge­ber gefor­dert, im Rah­men der Mög­lich­kei­ten fle­xi­ble­re Model­le und Anrei­ze zu ent­wi­ckeln, wenn sie ihr Per­so­nal hal­ten wol­len und attrak­tiv für den beruf­li­chen Nach­wuchs sein möchten.

ÜBER DEN AUTOR
Dr. Wolfgang Freibichler ist Partner bei Porsche Consulting und Experte für neue Formen der Zusammenarbeit. Als Berater des Top-Managements beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Rollen und Ansprüchen der Menschen im Berufsleben. Porsche Consulting/Jörg Eberl
Dr. Wolfgang Freibichler ist Experte für Unternehmensführung und Partner bei Porsche Consulting. Seinem Rat folgen vor allem Top-Manager aus den Branchen Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektroindustrie, Bauzulieferindustrie sowie Banken und Versicherungen. Seine Erfahrung resultiert aus der strategischen Beratung von inzwischen mehr als 1000 Führungskräften in 14 Ländern. Als Autor zahlreicher Bücher, Studien und Fachartikel zum Thema Unternehmensführung ist er maßgeblich an Forschungsprojekten zur Entschlüsselung der relevanten Erfolgsfaktoren beteiligt – zum Beispiel gemeinsam mit der Universitäten Cambridge (England) und Harvard (USA). Seine Ausbildung als Wirtschaftsingenieur an den technischen Universitäten Darmstadt und Karlsruhe ergänzte Freibichler im Rahmen eines Doppeldiplomstudiums am Institut National de Polytechnique in Grenoble (Frankreich) um einen französischen Grande École-Abschluss. Während seiner ersten Berufsjahre in Deutschland und China wurde er berufsbegleitend im Bereich strategische Unternehmensführung an der deutschen Universität Hohenheim in Stuttgart promoviert.
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