Einblick

Innovation
schlägt Virus

Digitale Innovationen gestalten das Leben von Ärzten und Patienten nicht nur angenehmer, sie können es auch schützen. Der Medizintechnikhersteller GE Healthcare will dafür das Wartezimmer abschaffen 

09/2020

Ein Patient im MRT-Scanner GE Optima MR450, einem der modernsten Geräte für Magnetresonanztomographie. GE Healthcare gehört zu den führenden Medizintechnikunternehmen.GE Healthcare

Sie waren ihrer Zeit vor­aus: eine klei­ne Grup­pe aus IT-Fach­leu­ten, Desi­gnern, Stu­den­ten und Grün­dern, die in ihrer Frei­zeit drei Tage lang dis­ku­tier­ten, pro­gram­mier­ten – und kaum Schlaf fan­den. Am Ende stand das Kon­zept für eine App, die das Leben vie­ler Men­schen wäh­rend einer Epi­de­mie siche­rer machen kann. Weil sich mit ihr Arzt­ter­mi­ne so orga­ni­sie­ren las­sen, dass Pati­en­ten keine unnö­ti­ge Zeit in War­te­zim­mern ver­brin­gen müs­sen – und damit weni­ger Zeit auf engem Raum mit ande­ren Men­schen. Eine Idee, wie gemacht für die Her­aus­for­de­run­gen der Coro­nakrise. Doch ent­wi­ckelt wurde sie bereits Mona­te vor dem Aus­bruch des Virus, im Sep­tem­ber 2019. 

Die App ist die Idee von Teil­neh­mern eines Hacka­thons in Mün­chen. Dort such­ten Hun­der­te Nach­wuchs­ta­len­te Lösun­gen für Pro­blem­stel­lun­gen, die meh­re­re Unter­neh­men vor­ge­ge­ben hat­ten. Die Auf­ga­be „War­te­zim­mer abschaf­fen“ kam von GE Health­ca­re. Und sie ist nur ein Bei­spiel dafür, wie sich in der Pan­de­mie eine Stra­te­gie aus­zahlen kann, auf die das Toch­ter­un­ter­neh­men des ame­ri­ka­ni­schen Kon­zerns Gene­ral Elec­tric einen immer stär­ke­ren Schwer­punkt legt: die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on des Gesund­heits­we­sens. 

Kurz erklärt

Marathon für Hacker

Bei der Entwicklung digitaler Innovationen setzt GE Healthcare auch auf innovative Entwicklungsmethoden. Dazu gehören beispielsweise Hackathons, bei denen Teams mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Disziplinen in begrenzter Zeit Lösungen zu vorgegebenen Aufgaben entwickeln. So entstand im Herbst 2019 auf dem Tech-Fest des Münchner Innovations- und Gründungszentrums UnternehmerTUM die Idee für eine App, mit der Wartezeiten für Patienten reduziert werden können. Hackathons helfen jedoch nicht nur Produkte zu entwickeln, sagt Jan Beger, General Manager Digital bei GE Healthcare, „hier lernen wir, wie agile oder selbstorganisierte Teams effektiv und schnell zu Ergebnissen kommen. Diese Erkenntnisse lassen wir in unsere eigenen Prozesse einfließen.“

Homeoffice für Klinikärzte

Mit 50.000 Mit­ar­bei­tern an Stand­or­ten in mehr als 160 Län­dern ent­wi­ckelt GE Health­ca­re tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen und Dienst­leis­tungs­an­ge­bo­te für das Gesund­heits­we­sen. „Die Nach­fra­ge nach digi­ta­len Inno­va­tio­nen in die­sem Sek­tor ist immens“, sagt Jan Beger, Gene­ral Mana­ger Digi­tal bei GE Health­ca­re, „inzwi­schen kön­nen wir bereits ein gro­ßes Ange­bot an Lösun­gen bereit­stel­len. Die Coro­nakrise hat gezeigt, dass digi­ta­le Lösun­gen in Zei­ten von Epi­de­mi­en deut­li­che Vor­tei­le für das Gesund­heits­we­sen mit sich brin­gen.“ Denn viele digi­ta­le Inno­va­tio­nen stei­gern nicht nur Effi­zi­enz und Kom­fort, son­dern brin­gen auch einen schüt­zen­den Effekt mit sich – weil sie phy­si­sche Kon­tak­te redu­zie­ren kön­nen. 

Wir müssen diese Pandemie zu einem Beschleuniger für den digitalen Wandel im Gesundheitswesen machen.

Jan Beger Jan Beger
General Manager Digital bei GE Healthcare

Eini­ge Lösun­gen betref­fen vor­ran­gig das medi­zi­ni­sche Per­so­nal, wie etwa die radio­lo­gi­sche Unter­su­chungs­be­fun­dung aus der Ferne. So las­sen sich bei­spiels­wei­se Com­pu­ter­to­mo­gra­fie-Scans digi­tal von einer Sta­ti­on eines Kran­ken­hau­ses in die nächs­te über­tra­gen – oder von einem Kran­ken­haus zum ande­ren. Kein Arzt muss mehr den Scan-Abzug oder eine CD-ROM mit den Daten in die Hand neh­men. „Das Beson­de­re an unse­rer Lösung ist, dass sie mit nahe­zu allen Sys­te­men kom­pa­ti­bel ist, die Kran­ken­häu­ser ver­wen­den“, sagt  Mathi­as Goyen, Chief Medi­cal Offi­cer bei GE Health­ca­re. „Mit einem hoch­auf­lö­sen­den Moni­tor kön­nen Radio­lo­gen Befun­de pro­blem­los von zu Hause aus erhe­ben.“ Home­of­fice für Kli­nik­ärz­te – eini­ge Kli­ni­ken konn­ten so die Kon­takt­ein­schrän­kun­gen wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie bereits bes­tens umset­zen. 

Zentraler Zugriff auf alle Daten

Auch die Bele­gung von Inten­siv­bet­ten ist in Zei­ten von Epi­de­mi­en ein enorm wich­ti­ges Thema. Aber ob und wie lange ein Bett belegt ist, wuss­te bis­lang oft nur das Per­so­nal auf der jewei­li­gen Sta­ti­on. „Wenn Ärzte ein Bett brau­chen, rufen sie meist auf den Sta­tio­nen an, um nach­zu­fra­gen“, sagt Radio­lo­gie-Pro­fes­sor Goyen. Selbst wenn die Bele­gungs­zah­len im Kran­ken­haus­com­pu­ter ange­zeigt wer­den, feh­len oft wich­ti­ge Details: Wurde ein Bett viel­leicht für einen Pati­en­ten reser­viert, der erst mor­gen kommt? Ist ein Pati­ent frü­her ent­las­sen wor­den als geplant? 

Mitarbeiter im Command Center des britischen Bradford Teaching Hospitals NHS Foundation Trust. Sie verwenden Echtzeitdaten um den Patientenfluss über Krankenhäuser in Bradford und Gemeinden in der englischen Grafschaft Yorkshire hinweg zu steuern. GE Healthcare

Das „Com­mand Cen­ter“ von GE Health­ca­re ermög­licht es, dass all diese Infor­ma­tio­nen auto­ma­tisch aus­ge­wer­tet wer­den. „Das läuft ähn­lich wie bei der Kom­man­do­zen­tra­le bei einer NASA-Mis­si­on. Damit las­sen sich Pati­en­ten­flüs­se opti­mal steu­ern“, sagt Goyen. Unmit­tel­bar nach dem Aus­bruch der Pan­de­mie in Deutsch­land ent­wi­ckel­te GE Health­ca­re eine der Covid-19-Situa­ti­on ange­pass­te Ver­si­on der Soft­ware, die sich inner­halb von zwei Wochen mit nahe­zu allen Schnitt­stel­len eines Kran­ken­hau­ses ver­bin­den lässt. Zusätz­li­cher Vor­teil: Die Imple­men­tie­rung kann kom­plett von außen gesteu­ert wer­den, kein Tech­ni­ker muss dafür das Kran­ken­haus auf­su­chen. Nach vier Wochen hat­ten bereits 150 Kun­den welt­weit diese Lösung im Ein­satz. Dort hilft das Sys­tem nicht nur, Pati­en­ten schnel­ler zu behan­deln, son­dern schützt auch Pfle­ger und Ärzte – und damit letzt­lich wie­der­um die Pati­en­ten. „Ein zen­tra­ler Aspekt ist ja, dass das medi­zi­ni­sche Per­so­nal gesund sein muss, damit wir das Gesund­heits­sys­tem auf­recht­erhal­ten kön­nen“, so Goyen. 

Patienten werden immer mündiger. Das steht bei der Entwicklung neuer Produkte im Fokus.

Prof. Dr. med. Mathias Goyen Prof. Dr. med. Mathias Goyen
Chief Medical Officer bei GE Healthcare

Corona als Impulsgeber

Zuneh­mend ent­wi­ckelt GE Health­ca­re auch digi­ta­le Lösun­gen, bei denen der Vor­teil für die Pati­en­ten im Vor­der­grund steht. „Bis­lang wer­den Pati­en­ten noch viel zu wenig als Kun­den mit ent­spre­chen­den Bedürf­nis­sen wahr­ge­nom­men. Da hinkt das Gesund­heits­we­sen ande­ren Bran­chen weit hin­ter­her“, sagt GoyenDie Digi­ta­li­sie­rung ist eine große Chan­ce, das an vie­len Stel­len zu ändern.“ Ein Bei­spiel: Anstel­le von klein­ge­druck­ten Infor­ma­ti­ons­blät­tern könn­ten Chat­bots die Auf­ga­be über­neh­men, Pati­en­ten über den Ablauf einer aufwendi­gen Behand­lung im Detail zu infor­mie­ren. Der digi­ta­le Assis­tent kann zudem daran erin­nern, wenn ein Pati­ent zu einem Ter­min nüch­tern erschei­nen soll. Goyen beob­ach­tet, dass auch bei den Medi­zi­nern ein Umden­ken statt­fin­det„Das Ver­hält­nis von Arzt und Pati­ent ver­än­dert sich. Pati­en­ten wer­den immer mün­di­ger, sind etwa durch Bewer­tungs­por­ta­le bes­tens infor­miert und wäh­len gezielt den für sie idea­len Arzt aus.“ Kli­ni­ken und Pra­xen soll­ten darum die Chan­ce erken­nen, durch Kun­den­ori­en­tie­rung einen Wett­be­werbs­vor­teil zu erlan­gen. „Wir machen Pro­duk­te für Ärzte, aber letzt­lich sol­len sie immer dem Pati­en­ten nut­zen“, sagt Goyen 

So wie auch die War­te­zim­mer-App, die auf dem Hacka­thon in Mün­chen kon­zi­piert wurde. Diese soll bei­spiels­wei­se ermög­li­chen, dass der Pati­ent bereits vor der Behand­lung Daten an den Arzt über­mit­teln kann oder dass er in Echt­zeit infor­miert wird, wenn sich seine Behand­lung ver­zö­gert. Die App könn­te ein Pro­dukt ergän­zen, das GE Health­ca­re bereits ent­wi­ckelt hat: die „Smart Sche­du­ling“-App. Diese wer­tet die unter­schied­lichs­ten Fak­to­ren aus, die beein­flus­sen, ob Pati­en­ten Ter­mi­ne tat­säch­lich wahr­neh­men, etwa: Wie weit liegt sein Wohn­ort  von der Arzt­pra­xis ent­fernt? Wie soll das Wet­ter am Tag des Ter­mins wer­den? Zu wel­chen Uhr­zei­ten hat der Pati­ent bei frü­he­ren Gele­gen­hei­ten Ter­mi­ne abge­sagt? So ermit­telt der Algo­rith­mus Ter­mi­ne, die opti­mal auf seine Bedürf­nis­se abge­stimmt sind. Das erlaubt es Ärz­ten, bes­ser zu pla­nen – und sorgt damit eben­falls dafür, dass sich weni­ger Pati­en­ten in War­te­zim­mern auf­hal­ten. Noch in die­sem Som­mer soll diese App in den ers­ten Pra­xen ein­ge­setzt wer­den. Dann wer­den leere War­te­zim­mer nicht nur die Ner­ven der Pati­en­ten scho­nen, son­dern auch deren Gesund­heit schüt­zen. 

„Wäre die Pan­de­mie vor zwei Jah­ren aus­ge­bro­chen, wäre die Situa­ti­on deut­lich schwie­ri­ger gewe­sen“, sagt Beger„ Die ver­gan­ge­nen Wochen haben gezeigt, wel­che Chan­cen die Digi­ta­li­sie­rung im Gesund­heits­we­sen bie­tet. Das macht mir Hoff­nung für die Zukunft.“ Coro­na sei ein Anstoß, diese Ent­wick­lung noch schnel­ler vor­an­zu­brin­gen. 

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