Mobilität

Das Rennen um die Feststoffbatterie

Eine neue Generation von Batterien könnte die Karten im Markt der E-Mobilität neu verteilen. Doch ob die Feststoffbatterie der erhoffte Game Changer wird, hängt vom Erfolg der Entwickler ab. Porsche Consulting hat die Chancen der neuen Technologie analysiert.

07/2023

6 HERAUSFORDERUNGEN

 

bei der Indus­tria­li­sie­rung der Feststoffbatterie


Längere Reichweiten, schnellere Ladezeiten, höhere Sicherheit. Bei ihrem Einsatz im Auto überzeugt die Feststoffbatterie mit mehreren Vorteilen. Zudem ist ihr Einsatz in vielen weiteren Bereichen denkbar, unter anderem in kleinen Flugtaxis, in Lastwagen und Bussen sowie als stationäre Speicher für erneuerbare Energien. Und doch ist ihre Entwicklung zur Marktreife keinesfalls ein Selbstläufer. Allein in der Automobilindustrie müssen sechs zentrale Aufgaben gelöst werden, damit der Durchbruch gelingen kann: die Verbesserung der Produkteigenschaften, die Umstellung bestehender Gigafactorys auf die spezifischen Anforderungen der Feststoffbatterien, die Integration der Batterien in die Fahrzeugsysteme, der Aufbau robuster Lieferketten für neue Materialien, die Kostenreduktion durch den Einsatz größerer Zellformate sowie die Finanzierung der Anlaufphase. Porsche Consulting/Clara Philippzig

 

Die Bat­te­rie gilt als Herz­kam­mer moder­ner Autos mit Elek­tro­an­trieb. Den­noch haben sich viele Her­stel­ler bei dem wich­tigs­ten und wert­volls­ten Bau­teil ihrer Fahr­zeu­ge lange auf die Zulie­fer­indus­trie ver­las­sen. Doch damit scheint inzwi­schen Schluss zu sein: Um Kern­kom­pe­ten­zen im Bereich der Bat­te­rie­tech­nik auf­zu­bau­en und ihre Mar­ken mit inno­va­ti­ver Tech­no­lo­gie stär­ker vom Wett­be­werb abzu­gren­zen, inves­tie­ren die Auto­mo­bil­her­stel­ler ver­stärkt in den Bau eige­ner Giga­fac­to­rys. So hat allein Volks­wa­gen in den nächs­ten Jah­ren sechs Giga­fa­bri­ken in Euro­pa geplant – mit einem Gesamt­pro­duk­ti­ons­vo­lu­men von über 240 Gigawattstunden.

Por­sche Con­sul­ting schätzt den glo­ba­len Bat­te­rie­markt auf über 5.500 Giga­watt­stun­den im Jahr 2030 ein. Zwei Drit­tel davon ent­fal­len auf den Bereich Per­so­nen­wa­gen. Laut den Berech­nun­gen ver­zehn­facht sich der Gesamt­markt damit in die­ser Deka­de. Doch das ist erst der Anfang, denn par­al­lel zu den Mil­li­ar­den, die in eige­ne Fabri­ken flie­ßen, inves­tie­ren die Auto­kon­zer­ne mas­siv in eine ganz neue Gene­ra­ti­on von Bat­te­rien. Sie könn­ten die Kar­ten im Geschäft mit der E‑Mobilität ganz neu verteilen.

Die Innovation braucht Rückenwind

Von einem ech­ten „Game Chan­ger“ spricht Dr. Fabi­an Duff­ner, Part­ner Advan­ced Tech­no­lo­gies bei Por­sche Con­sul­ting, wenn es um die Fest­stoff­bat­te­rie geht. Sie kann aus sei­ner Sicht nicht nur die Auto­mo­bil­welt revo­lu­tio­nie­ren, son­dern auch bei­spiels­wei­se Flug­zeu­gen die Elek­tri­fi­zie­rung ermög­li­chen. Ihre zen­tra­len Vor­tei­le: län­ge­re Reich­wei­ten, schnel­le­re Lade­zei­ten, höhe­re Sicher­heit. Und vor allem: Sie gibt den Auto­mo­bil­her­stel­lern die Chan­ce, sich noch schnel­ler aus der Abhän­gig­keit von asia­ti­schen Zell­her­stel­lern zu lösen. Denn anders als bei der her­kömm­li­chen Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie han­delt es sich bei den Tech­no­lo­gie­füh­rern der Fest­stoff-Bat­te­rie in ers­ter Linie um Start-ups aus den USA.

Den­noch drückt Duff­ner ein wenig auf die Eupho­rie­brem­se: „Die Fest­stoff­bat­te­rie wird kein Selbst­läu­fer. Es gibt zahl­rei­che Her­aus­for­de­run­gen, die tech­nisch und öko­no­misch erst noch gelöst wer­den müs­sen, bevor die indus­tri­el­le Fer­ti­gung begin­nen kann.“ Sechs The­men sind aus sei­ner Sicht zen­tral: die Ver­bes­se­rung der Pro­dukt- und Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten, die Trans­for­ma­ti­on der Pro­duk­ti­on in den Groß­se­ri­en­maß­stab, die Inte­gra­ti­on der Bat­te­rien in die Fahr­zeug­sys­te­me, der Auf­bau robus­ter Lie­fer­ket­ten für neue Mate­ria­li­en und Maschi­nen, die Reduk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­kos­ten sowie die Finan­zie­rung der Seri­en­ent­wick­lungs- und Skalierungsphase.

Die Feststoffbatterie kann ein echter Game Changer für die Elektrifizierung sein. Die Herausforderungen bis zur serienreifen Industrialisierung sind allerdings gewaltig.

Dr. Fabian DuffnerDr. Fabian Duffner
Partner Advanced Technologies, Porsche Consulting

Um an der Spit­ze zu sein, haben sich die meis­ten Auto­mo­bil­her­stel­ler bei Fest­stoff-Start-ups ein­ge­kauft – trotz vie­ler Hür­den, die bei die­ser Tech­no­lo­gie noch bestehen. Dass sich diese Inves­ti­tio­nen loh­nen könn­ten, zei­gen Zah­len von Por­sche Con­sul­ting: Wer­den die Her­aus­for­de­run­gen gelöst und tritt die Markt­rei­fe somit wie pro­gnos­ti­ziert ein, schät­zen die Bera­ter das mög­li­che Markt­vo­lu­men rund um die indus­tri­el­le Fer­ti­gung der Fest­stoff­bat­te­rien kumu­la­tiv bis 2035 auf über 400 Mil­li­ar­den Euro ein.

Wird die neue Tech­nik also tat­säch­lich der „Game Chan­ger“ in der Auto­mo­bil­in­dus­trie und dar­über hin­aus? Wel­che Wei­chen müs­sen gestellt wer­den, um die indus­tri­el­le Basis dafür zu schaf­fen? Wie ist der Stand der Tech­no­lo­gie und wel­che Her­aus­for­de­run­gen gilt es noch zu lösen, damit aus den Pro­gno­sen Rea­li­tät wer­den kann? Wel­che Chan­cen und Risi­ken erge­ben sich schließ­lich für Euro­pas Unter­neh­men? Das Por­sche Con­sul­ting Maga­zin doku­men­tiert den aktu­el­len Wis­sens­stand zu die­sen und wei­te­ren zen­tra­len Fra­gen rund um die Feststoffbatterie.

Reich­wei­te rauf, Preis runter:
Ent­wick­lung von Auto­mo­bil­bat­te­rien in 130 Jahren

Stetig steigende Reichweite, sinkende Kosten – das sind die groben Entwicklungslinien, die die Entstehung der Elektromobilität kennzeichnen. Dabei reicht die Geschichte des E-Autos bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Die Preise für entsprechende Batterien lagen allerdings bis in die 2000er Jahre noch durchschnittlich im sechsstelligen Euro-Bereich. Dabei waren die Reichweiten anfangs sehr gering. Gerade einmal rund 50 Kilometer konnten Fahrer*innen um 1900 mit dem von einem 400 Kilogramm schweren Bleiakku angetriebenen Lohner-Porsche zurücklegen. Erst die Erfindung der Lithium-Ionen-Batterie in den 1970er Jahren und ihre Kommerzialisierung in den 1990er Jahren haben die Batterietechnologie zur Marktreife geführt. So waren bei E-Autos ab 2010 bereits Reichweiten von 200 bis 400 Kilometern möglich und wuchsen seitdem stetig an. Gleichzeitig sanken die Durchschnittspreise der Batterien durch die zunehmende Industrialisierung bis 2020 auf unter 10.000 Euro. Die Entwicklung ist damit keinesfalls abgeschlossen: Wenn sich die Hoffnungen erfüllen, die sich an die Feststoffbatterie (SSB) knüpfen, dürften Reichweiten von über 750 Kilometern bald Standard sein – und auch die Preise sollten sich nach einer Übergangszeit auf dem Niveau heutiger Lithium-Ionen-Batterien einpendeln. Porsche Consulting/Clara Philippzig

Was sind die zentralen Vorteile der Feststoffbatterie im Vergleich zur Lithium-Ionen-Batterie?

Umfra­gen der Markt­for­scher zei­gen immer wie­der, dass es Käu­fern von E‑Autos im Wesent­li­chen auf drei Kri­te­ri­en ankommt: eine mög­lichst hohe Reich­wei­te, eine kurze Lade­zeit der Bat­te­rien und Anschaf­fungs­kos­ten, die mit Ver­bren­nern ver­gleich­bar sind. Antriebs­leis­tung, Sicher­heit und Lebens­dau­er gehö­ren zu den wei­te­ren Anfor­de­run­gen an die Bat­te­rie. Wenn es tat­säch­lich gelingt, Fahr­zeu­ge mit Fest­stoff­bat­te­rien in Serie zu pro­du­zie­ren, dürf­ten moder­ne E‑Autos alle diese Kri­te­ri­en erfül­len. Mög­lich macht das der Fest­elek­tro­lyt, der als Sepa­ra­tor zwi­schen Anode und Katho­de fun­giert. Durch die­sen che­misch sta­bi­len Fest­elek­tro­ly­ten kön­nen als Ener­gie­spei­cher­ma­te­ria­li­en Alter­na­ti­ven zum heute ver­wen­de­ten Gra­fit zum Ein­satz kom­men, bei­spiels­wei­se Lithi­um-Metall. Der Vor­teil: Im Ver­hält­nis zum Gewicht liegt die Spei­cher­ka­pa­zi­tät von Lithi­um-Metall zehn­mal höher als die von Gra­fit. Die höhe­re Ener­gie­dich­te, die auf diese Weise erzeugt wird, erhöht den Ener­gie­in­halt bei glei­chem Bat­te­rie­vo­lu­men und lässt schon bis 2030 Reich­wei­ten von über 750 Kilo­me­tern rea­lis­tisch erscheinen.

Endlich größere Reichweite, kürzere Ladezeiten, mehr Sicherheit und geringere Kosten

Gleich­zei­tig kön­nen Ionen durch den fes­ten Elek­tro­ly­ten schnel­ler trans­por­tiert wer­den, was dafür sorgt, dass auch die zeit­in­ten­si­ven Lade­zei­ten der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren wer­den. Län­ger als zehn Minu­ten wird das „Auf­tan­ken“ einer E‑Au­to-Bat­te­rie dann nicht mehr dau­ern, schät­zen Fach­leu­te. Das Laden einer Auto­bat­te­rie wird dann kaum mehr Zeit in Anspruch neh­men, als einen Tank mit Ben­zin oder Die­sel zu fül­len. Auch die Sicher­heit im Fahr­zeug wird durch die neue Tech­nik opti­miert, denn der flüs­si­ge Elek­tro­lyt einer her­kömm­li­chen Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie ist brenn­bar. Zwar fan­gen Lithi­um-Ionen-Akkus nur äußerst sel­ten Feuer – bei der Fest­stoff­bat­te­rie kann diese Gefahr aber nahe­zu aus­ge­schlos­sen werden.

„Unter dem Strich zeigt sich, dass die Vor­tei­le der Fest­stoff­bat­te­rie im Ver­gleich zur Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie gewal­tig sind. Aller­dings ließe sich Ähn­li­ches von den tech­ni­schen Pro­ble­men behaup­ten, die noch gelöst wer­den müs­sen, um sie in die Seri­en­rei­fe zu über­füh­ren“, sagt Duffner.

Ich glaube, Lithium-Metall-Feststoffbatterien werden im Vergleich zu herkömmlichen Lithium-Ionen-Batterien eine deutliche Leistungssteigerung mit sich bringen. Wenn Elektroautos mit Batterien ausgerüstet werden, die eine höhere Energiedichte, kürzere Ladezeiten und mehr Sicherheit bieten, wird das zu einem Quantensprung in Bezug auf ihre Akzeptanz und ihren Einsatz führen. So etwas wollen wir auf den Markt bringen.

Dr. Tim HolmeDr. Tim Holme
Chief Technology Officer,
Quantumscape

Die atmen­de Zelle
Lithi­um-Ionen- ver­sus anoden­freie Feststoffbatterie

Jede Batterie besteht aus drei Schichten: Anode, Separator und Kathode. In herkömmlichen Lithium-Ionen-Batterien speichern Anode und Kathode aktiv Energie in Form von Lithium, während der Separator für eine gute Isolierung zwischen den Elektroden sorgt. Die Ladungsträger (Lithium-Ionen) werden beim Auf- und Entladen durch einen flüssigen Elektrolyten transportiert. Dieser flüssige Elektrolyt ist auch das Hauptunterscheidungsmerkmal zur Feststoffbatterie, denn bei dieser werden statt des flüssigen Elektrolyten Verbundkathoden und Feststoffelektrolyt-Separatoren verwendet, um die Leitfähigkeit herzustellen. Bei der anodenfreien Variante der Feststoffbatterie entsteht die Anode durch Ablagerung von metallischem Lithium während des Aufladens der Batterie. Während des Entladens löst sich die Lithium-Anode wieder vollständig auf. Die Volumenänderungen, die so entstehen, stellen Herausforderungen beim Einsatz dieser Batterien in Fahrzeugen dar.Porsche Consulting/Clara Philippzig

In welchen Märkten könnten Feststoffbatterien zum Einsatz kommen?

Gelingt es, die Her­aus­for­de­run­gen der Fest­stoff­bat­te­rie zu lösen, wird diese die Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie aller Vor­aus­sicht nach in vie­len Berei­chen bis 2035 erset­zen. Wahr­schein­lich wird es zuvor eine Über­gangs­pha­se geben, in der die Fest­stoff­bat­te­rie auf­grund noch gerin­ger Stück­zah­len und hoher Kos­ten zunächst hoch­prei­si­gen Markt­seg­men­ten vor­be­hal­ten bleibt. So las­sen die Pro­gno­sen von Por­sche Con­sul­ting erken­nen, dass zunächst Pkw-Mar­ken im Pre­mi­um-Seg­ment mit Fest­stoff­bat­te­rien unter­wegs sein wer­den. Par­al­lel dürf­te die Antriebs­tech­nik auch in erste Flug­zeu­ge ver­baut wer­den. Aller­dings nicht in die gro­ßen Pas­sa­gier- und Fracht­ma­schi­nen, son­dern in soge­nann­te Elec­tric Ver­ti­cal Take-Off and Landing Air­crafts (eVTOLs) – klei­ne elek­tri­sche Zwei- bis Sechs­sit­zer, die schon bald den Taxi­be­trieb in die Luft ver­la­gern könn­ten. Die Vor­tei­le der Fest­stoff­bat­te­rie sind dabei das redu­zier­te Gewicht, ihr hohes Leis­tungs­ver­mö­gen, das spe­zi­ell für Start- und Lan­dung wich­tig ist, und nicht zuletzt ihr gutes Sicher­heits­pro­fil. Mit­tel­fris­tig ist durch die Fest­stoff­bat­te­rie elek­tri­sches Flie­gen auf Kurz­stre­cken von bis zu 1.000 Kilo­me­tern denkbar.

Eine Batterie für viele Fälle

Erst wenn ab 2030 die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on der neuen Bat­te­rie­tech­no­lo­gie an Fahrt gewinnt und wei­te­re Fort­schrit­te beim Thema Mate­ri­al­ef­fi­zi­enz erreicht wer­den, wird sie den Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien auch in punc­to Kos­ten über­le­gen sein. Zu die­sem Zeit­punkt wird sie aller Vor­aus­sicht nach eine eben­so lange, wenn nicht sogar län­ge­re Lebens­dau­er auf­wei­sen als ihr Vor­gän­ger­mo­dell. Der Ein­satz der Fest­stoff­bat­te­rie wird dabei kei­nes­falls auf das E‑Auto beschränkt blei­ben. „Das Gegen­teil ist der Fall“, bestä­tigt Dr. Xia­o­han Wu, Seni­or Exper­te bei Por­sche Con­sul­ting: „Die ganz­heit­li­che Ver­bes­se­rung der Bat­te­rie-KPIs erlaubt die Elek­tri­fi­zie­rung wei­te­rer Bran­chen, die mit der heu­ti­gen Tech­nik noch nicht vor­stell­bar ist.“

Auch wenn es noch zahlreiche technische Hürden gibt, die wir bis zur Serienfertigung der Feststoffbatterie überwinden müssen – die Laborergebnisse zeigen schon heute, dass nicht nur ihr Prinzip funktioniert, sie unterstreichen auch das herausragende Potenzial der Feststoffbatterie.

Prof. Dr. Jürgen JanekProf. Dr. Jürgen Janek
Justus-Liebig-Universität Gießen

Wann wird es erste serienreife Feststoffbatterien geben?

Auch wenn das Poten­zi­al der Fest­stoff­bat­te­rie groß ist, ihr Ein­satz­spek­trum gewal­tig erscheint – noch ist die For­schung daran eine Wette auf die Zukunft. Zwar haben Ent­wick­ler bereits erste Zel­len ent­wi­ckelt, die bei Raum­tem­pe­ra­tur funk­tio­nie­ren, doch bis zur Groß­se­rie könn­te es noch eini­ge Jahre dau­ern. Und auch das ist kei­nes­falls sicher, denn die viel­ver­spre­chends­ten Kon­zep­te wur­den bis­her ent­we­der nur mit Pro­to­ty­pen im Labor demons­triert oder sie befin­den sich in einer Pilot­pha­se. In jedem Fall ist die Indus­trie noch ein gan­zes Stück weit ent­fernt von einer hoch­au­to­ma­ti­sier­ten Pro­duk­ti­on, wie man sie von der Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie kennt.

Piloten starten 2024

Neben den vor­wie­gend ame­ri­ka­ni­schen Zell-Start-ups haben sich welt­weit Kom­pe­tenz­clus­ter gebil­det, die an der Indus­tria­li­sie­rung der Fest­stoff­zel­le arbei­ten. Ein Bei­spiel: In Japan sind es die Auto­mo­bil­her­stel­ler, wel­che die Ent­wick­lung der Fest­stoff­bat­te­rie im Rah­men des Indus­trie­kon­sor­ti­ums NEDO gemein­sam mit Zell­her­stel­lern und Mate­ri­al­lie­fe­ran­ten über die gesam­te Wert­schöp­fungs­ket­te vor­an­trei­ben. Wenn sich die Erwar­tun­gen der Exper­ten erfül­len, könn­ten Pilo­t­an­wen­dun­gen ab 2024 und ein groß­se­ri­el­ler Markt­ein­tritt etwa im Jahr 2027 erfol­gen. Die­ser wäre zunächst auf die weni­ger kos­ten­sen­si­ti­ven Pre­mi­um-Seg­men­te beschränkt. „Ab 2030 rech­nen wir mit einer voll­stän­di­gen Indus­tria­li­sie­rung und mit einer ein­her­ge­hen­den Per­for­mance-Stei­ge­rung bei sin­ken­den Pro­duk­ti­ons­kos­ten“, sagt Dr. Wu. Spä­tes­tens dann zeige sich auch die „dis­rup­ti­ve Qua­li­tät“ der neuen Tech­nik. Die könn­te die kom­plet­te Auto­mo­bil­in­dus­trie erfas­sen. Ent­spre­chend geht Por­sche Con­sul­ting bis 2035 von Markt­an­tei­len für fest­stoff­bat­te­rie­be­trie­be­ne Fahr­zeu­ge von 5 bis 15 Pro­zent aus. Das dürf­te bis zu 35 Mil­lio­nen Fahr­zeu­gen ent­spre­chen, die dann auf den Stra­ßen unter­wegs sein werden.

Die Erfindung der Lithium-Ionen-Batterie wurde mit einem Nobelpreis geehrt. Die Industrialisierung einer ganzheitlich überlegenen Lithium-Metall-Feststoffbatterie wäre einen weiteren wert!

Prof. Dr. Martin WinterProf. Dr. Martin Winter
Leiter Münster Electrochemical Energy Technology (MEET), Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU)

Können die bisher auf Lithium-Ionen-Batterien ausgerichteten Gigafactorys auf die Produktion von Feststoffbatterien umgerüstet werden?

Auch wenn sie spät dran sind: Die deut­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler set­zen mitt­ler­wei­le voll auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät – und haben Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen in neue Giga­fa­bri­ken ange­kün­digt. Die Giga­fac­to­rys sind aller­dings auf eine Antriebs­tech­nik aus­ge­legt, die aktu­ell den Takt bei E‑Autos vor­gibt: Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien. Doch was geschieht, wenn die tech­ni­schen Pro­ble­me mit der Fest­stoff­bat­te­rie selbst ab etwa 2027 gelöst sind? Las­sen sich die Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fe ein­fach auf die neue, über­le­ge­ne Tech­nik adap­tie­ren? „Wir schät­zen, dass sich rund 40 Pro­zent der Maschi­nen in den heu­ti­gen Giga­fac­to­rys auch für die Her­stel­lung von Fest­stoff­bat­te­rien eig­nen wer­den“, sagt Prof. Dr. Jens Leker von der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät Münster.

Doch es geht nicht um die Maschi­nen allein, auch Pro­zes­se und Her­stel­lungs­me­tho­den müs­sen ganz neu auf­ge­stellt wer­den. Das ist wich­tig, um die Zell­pro­duk­ti­on effi­zi­ent zu gewähr­leis­ten. Wäh­rend eini­ge klas­si­sche Ver­fah­ren etwa bei der Pul­ver­mi­schung, Beschich­tung und beim Kalan­drie­ren bei­be­hal­ten wer­den kön­nen, kom­men ande­re in der Zell­pro­duk­ti­on hinzu, bei­spiels­wei­se bei der Lami­nie­rung, aber auch beim Sin­tern und Pres­sen. Auf­grund der Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten des Fest­elek­tro­ly­ten wird zudem eine grö­ße­re Anzahl von Pro­zess­schrit­ten unter Schutz­at­mo­sphä­re statt­fin­den müssen.

Die Umrüstung heutiger Lithium-Ionen- zu Feststoffbatterie-Fabriken ist mit erheblichem Aufwand verbunden, da circa 60 Prozent der Maschinen und Anlagen ersetzt werden müssen und sich die Dimensionierung der Produktionsbereiche komplett unterscheidet.

Prof. Dr. Jens LekerProf. Dr. Jens Leker
Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU)

Schlanker und sparsamer

Diese und wei­te­re spe­zi­fi­sche Eigen­schaf­ten der Fest­stoff­bat­te­rie wer­den zu Mehr­kos­ten im Ver­gleich mit der Pro­duk­ti­on heu­ti­ger Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien füh­ren. Dem ste­hen aber auch eini­ge Eigen­schaf­ten der Fest­stoff­bat­te­rie gegen­über, die signi­fi­kan­te Ein­spa­run­gen mit sich brin­gen wer­den. So kön­nen bei Fest­stoff­bat­te­rien sta­bi­le­re Mate­ri­al­kom­bi­na­tio­nen ein­ge­setzt wer­den. Hier­durch kön­nen die For­mie­rung und das Aging – das sind Pro­duk­ti­ons­schrit­te, die in heu­ti­gen Giga­fa­bri­ken rund ein Drit­tel der Flä­che ein­neh­men – maß­geb­lich ver­schlankt wer­den. Zusätz­lich ent­fällt das Befül­len des flüs­si­gen Elek­tro­ly­ten inklu­si­ve der Ein­zieh­zeit der Flüs­sig­keit in die porö­sen Aktivmaterialien.

Vor allem aber ist die Anode zen­tral, wenn es um Ein­spar­po­ten­zia­le bei der Fest­stoff­bat­te­rie geht. So ist die Anoden­pro­duk­ti­on bei Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien nicht nur äußerst zeit­in­ten­siv, sie ist auch mit hohen Kos­ten ver­bun­den. Rund 15 bis 20 Pro­zent der Flä­che heu­ti­ger Indus­trie­an­la­gen ent­fal­len allein auf die Anoden­pro­duk­ti­on. Kann auf die Anode ver­zich­tet wer­den, spa­ren die Her­stel­ler nicht nur das not­wen­di­ge Mate­ri­al und die ent­spre­chen­den Maschi­nen ein – auch die für die Pro­duk­ti­on nöti­gen Exper­ten kön­nen an ande­rer Stel­le ein­ge­setzt wer­den. Die inno­va­tivs­ten Start-ups im Seg­ment der Fest­stoff­bat­te­rien, wie zum Bei­spiel Quan­t­um­s­cape, ver­fol­gen daher Zell­kon­zep­te, die kom­plett ohne Aktiv­ma­te­ri­al an der Anode aus­kom­men. Ob ihnen die Ent­wick­lung der anoden­frei­en Fest­stoff­bat­te­rie gelingt, ist aus Sicht von Fabi­an Duff­ner ent­schei­dend für die neue Bat­te­rie­ge­ne­ra­ti­on: „Nur wenn es gelingt, anoden­freie Kon­zep­te zu eta­blie­ren und hier­durch die damit ver­bun­de­nen Kos­ten­vor­tei­le zu rea­li­sie­ren, wird es der Fest­stoff­bat­te­rie gelin­gen, den pro­gnos­ti­zier­ten Wan­del in der Auto­mo­bil­wirt­schaft und dar­über hin­aus auszulösen.“

9 Schrit­te zur Feststoffbatterie
Wie Fabri­ken umstruk­tu­riert wer­den können

Der Zellproduktionsprozess lässt sich in drei klassische Kernbereiche unterteilen: Elektrodenfertigung, Zellassemblierung und Formierung. Bei der Produktion anodenfreier Zellkonzepte entfällt in der Elektrodenfertigung der vollständige Anodenproduktionsprozess mit den Prozessschritten Mischen, Beschichten, Trocknen und Kalandrieren. Die frei gewordene Fläche kann dann für die Inhouse-Fertigung der Separatoren aus Festelektrolyten verwendet werden. Ein Kostentreiber ist hierbei insbesondere das mehrstündige Sintern. Es ist aber unerlässlich, um die nötige Leitfähigkeit herzustellen. Vor allem bei der Zellassemblierung unterscheiden sich Fabriken für Lithium-Ionen- und Feststoffbatterien deutlich. So erfordert das Handling der festen Schichten bei der Feststoffbatterieproduktion eine Anpassung des Stapelprozesses. Da derzeitige Zellformate der Feststoffbatterie kleiner sind als die der Lithium-Ionen-Batterien, müssen für dieselbe Zellkapazität mehr Zellen gebaut werden, sodass der Flächenbedarf beim Stapeln steigt. Während das Befüllen des flüssigen Elektrolyten bei der Produktion von Feststoffbatterien entfällt, müssen hier die festen Schichten formschlüssig verbunden werden – das macht einen neuen Pressschritt erforderlich. Der letzte Produktionsbereich – die Formierung – kann aufgrund stabilerer Materialkombinationen bei der Feststoffbatterie wesentlich vereinfacht werden. Porsche Consulting/Clara Philippzig

Welche weiteren Herausforderungen gibt es beim Blick auf die Feststoffbatterie?

Neben der Her­stel­lung der Bat­te­rie selbst müs­sen Lösun­gen für ihre Inte­gra­ti­on ins Fahr­zeug gefun­den wer­den. Das Haupt­pro­blem: Die Fest­stoff­bat­te­rie „atmet“ quasi. Die­ser Pro­zess der Aus­deh­nung und anschlie­ßen­den Schrump­fung kann bei der Lithi­um-Metall-Anode mehr als zehn Zen­ti­me­ter im Gesamt­fahr­zeug betra­gen. Inge­nieu­re müs­sen also eine Mög­lich­keit fin­den, wie sich eine sol­che Volu­men­än­de­rung in einen ansons­ten star­ren Fahr­zeug­rah­men inte­grie­ren lässt. Dane­ben muss das Zell­for­mat der heu­ti­gen Pro­to­ty­pen­zel­len deut­lich ver­grö­ßert wer­den, um für den Ein­satz in der Auto­mo­bil­in­dus­trie und wei­te­re Anwen­dun­gen rele­vant zu werden.

Auch beim Thema Mate­ri­al haben die For­scher aktu­ell noch eine volle To-do-Liste, die sie bis zu einer ech­ten Indus­tria­li­sie­rung abar­bei­ten müs­sen. Ver­bes­sert wer­den müs­sen die Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten aller drei maß­geb­li­chen Kom­po­nen­ten der Fest­stoff­bat­te­rie – Fest­elek­tro­lyt, Katho­de und Anode. Das Katho­den­ma­te­ri­al und der Fest­stoff­elek­tro­lyt müs­sen che­misch auf­ein­an­der abge­stimmt wer­den, zum Bei­spiel durch geeig­ne­te Ober­flä­chen­be­schich­tung des Katho­den­ma­te­ri­als. Ansons­ten dro­hen uner­wünsch­te Neben­re­ak­tio­nen, die die Lebens­dau­er der Fest­stoff­bat­te­rie ver­rin­gern. Auch die Fest­elek­tro­ly­te selbst haben noch deut­li­chen Opti­mie­rungs­be­darf. Die For­scher müs­sen vor allem an ihrer che­mi­schen Bestän­dig­keit arbei­ten. Auch der Ionen­trans­port muss wei­ter beschleu­nigt wer­den, wenn die Fest­stoff­bat­te­rie als Gan­zes als Herz­kam­mer eines Sport­wa­gens bestehen will.

Damit die Fest­stoff­bat­te­rie tat­säch­lich die ver­spro­che­ne Ener­gie­dich­te erreicht, ist es wich­tig, die Schicht­di­cke des Fest­elek­tro­lyt­se­pa­ra­tors auf weni­ger als 20 Mikro­me­ter zu redu­zie­ren. Das ist in etwa drei­mal dün­ner als ein mensch­li­ches Haar. Für die Groß­se­ri­en­pro­duk­ti­on stellt das eine gewal­ti­ge Her­aus­for­de­rung dar. Denn die Sepa­ra­to­ren müs­sen nicht nur dünn, son­dern auch „pin­ho­le free“ sein, also frei von kleins­ten Unre­gel­mä­ßig­kei­ten auf der Ober­flä­che. Zudem benö­tigt man diese dich­ten Sepa­ra­to­ren in einem sehr gro­ßen Umfang: Soll eine Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät von 20 Giga­watt­stun­den erreicht wer­den, sind Sepa­ra­to­ren not­wen­dig, die neben­ein­an­der­ge­legt eine Flä­che von 150 Mil­lio­nen Qua­drat­me­tern ein­neh­men wür­den – das ent­spricht in etwa 20.000 Fuß­ball­fel­dern. Um die Kos­ten im Griff zu behal­ten, soll­te hier­bei die Aus­schuss­ra­te des wert­vol­len Fest­stoff­elek­tro­lyt­se­pa­ra­tors auf ein Mini­mum redu­ziert werden.

Neue Lieferketten absichern

Es wird noch eini­ge Jahre dau­ern, bis For­scher und Ent­wick­ler in den Start-ups die Eigen­schaf­ten der Fest­stoff­bat­te­rie so weit opti­miert haben, dass mit der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on begon­nen wer­den kann. Doch auch dann wer­den noch nicht alle Pro­ble­me aus der Welt geschafft sein. So ist es wich­tig, dass die Indus­trie in einem nächs­ten Schritt die not­wen­di­gen Lie­fer­ket­ten für die neuen Mate­ria­li­en eta­bliert. Hier­bei kann sie nur beschränkt auf die bereits bestehen­de Sup­p­ly Chain von Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien zurück­grei­fen. Das Set der benö­tig­ten Che­mi­ka­li­en ist ein­fach zu unter­schied­lich. Vor allem bei stark nach­ge­frag­ten Roh­stof­fen wie Lithi­um ist es gebo­ten, dass sich die Her­stel­ler im Hin­blick auf Ver­füg­bar­keit und Preis­schwan­kun­gen absi­chern. Fest­stoff­elek­tro­ly­te ent­hal­ten aufs Volu­men bezo­gen bis zu 50-mal mehr Lithi­um als kon­ven­tio­nel­le Flüssigelektrolyte.

Vor die­sem Hin­ter­grund rech­nen die Bat­te­rie-Exper­ten von Por­sche Con­sul­ting damit, dass es bis zu zwei Jahre dau­ern wird, bis die Zulie­fer­indus­trie erste Anla­gen errich­tet hat, um die nöti­gen Mate­ria­li­en bereit­zu­stel­len. Der Bau und die Inbe­trieb­nah­me der eigent­li­chen Bat­te­rie­an­la­gen dau­ert sogar noch län­ger. Min­des­tens zwei­ein­halb Jahre ver­an­schla­gen die Exper­ten dafür. „Um Zeit und Kos­ten zu spa­ren, soll­ten sich die Akteu­re also früh­zei­tig vor­be­rei­ten und ihre Pro­zes­se auf­ein­an­der abstim­men“, sagt Exper­te Wu.

Die Indus­tria­li­sie­rung der Fest­stoff­bat­te­rie ist zudem mit gro­ßem finan­zi­el­len Risi­ko ver­bun­den. Allein für den Auf­bau einer Pilot­an­la­ge im Mega­watt-Bereich muss mit Kos­ten von 500 Mil­lio­nen bis 1 Mil­li­ar­de Euro gerech­net wer­den. Falls die Pla­ner den eigen­stän­di­gen Auf­bau einer Giga­fa­brik mit bis zu 20 Giga­watt­stun­den anstre­ben, müs­sen sie mit wei­te­ren Inves­ti­tio­nen von rund 2 Mil­li­ar­den Euro kal­ku­lie­ren: 1 bis 1,5 Mil­li­ar­den Euro wer­den Maschi­nen, Anla­gen und Gebäu­de kos­ten. Wei­te­re 0,5 bis 1 Mil­li­ar­den Euro ent­fal­len den Exper­ten zufol­ge wäh­rend des Anlaufs auf die hohen Aus­schuss­ra­ten und das benö­tig­te Per­so­nal. Daher ist es wenig über­ra­schend, dass Start-ups wie Solid Power und Solid Ener­gy Sys­tem sich früh­zei­tig um Pro­duk­ti­ons­part­ner­schaf­ten bemüht haben – sei es im Rah­men einer Auf­trags­fer­ti­gung oder als Joint Ven­ture mit Automobilherstellern.

Die Finanzierung des weiteren technologischen Fortschritts ist ein kritischer Erfolgsfaktor für die Technologie-Start-ups. Allein die Kosten der Skalierung vom Labormaßstab in eine Pilotfertigung belaufen sich auf eine Milliarde Euro. Weitere zwei Milliarden Euro kommen hinzu, falls sie eine Gigafabrik hochfahren.

Dr. Xiaohan WuDr. Xiaohan Wu
Senior Experte,
Porsche Consulting

Welche Unternehmen liegen bei der Entwicklung der Feststoffbatterie vorn?

Wäh­rend bei der Lithi­um-Ionen-Tech­no­lo­gie asia­ti­sche Her­stel­ler wie CATL und LG domi­nie­ren, han­delt es sich bei den Tech­no­lo­gie­füh­rern der Fest­stoff­bat­te­rien in ers­ter Linie um Start-ups, die vor­wie­gend in den USA behei­ma­tet sind. Die eta­blier­ten asia­ti­schen Play­er über­las­sen das Feld aber nicht kampf­los. So schlie­ßen zum Bei­spiel die füh­ren­den Zell­her­stel­ler in Korea enge Part­ner­schaf­ten mit ihren Lie­fe­ran­ten, um die Tech­no­lo­gie vor­an­zu­trei­ben. Die gro­ßen Auto­mo­bil­her­stel­ler schei­nen aus den Erfah­run­gen mit den Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien gelernt zu haben: Um nicht wie­der in eine Abhän­gig­keit von asia­ti­schen Zulie­fe­rern zu gera­ten, haben sie sich mas­siv bei Tech-Start-ups eingekauft.

Allein Volks­wa­gen hat über 300 Mil­lio­nen US-Dol­lar in das kali­for­ni­sche Start-up Quan­t­um­s­cape inves­tiert, das sich auf anoden­freie Fest­stoff­bat­te­rien mit kera­mi­schen Fest­stoff­elek­tro­ly­ten spe­zia­li­siert hat. Im April 2021 gaben zudem Ford und BMW bekannt, dass sie ins­ge­samt 130 Mil­lio­nen US-Dol­lar in den Bat­te­rie­ent­wick­ler Solid Power mit Sitz in Colo­ra­do inves­tie­ren. Solid Power will zunächst Fest­stoff­bat­te­rien mit Sili­zi­um-Anoden zur Markt­rei­fe brin­gen und seine Bat­te­rien in einem zwei­ten Schritt mit Lithi­um-Metall-Anode aus­stat­ten. Die Inves­ti­tio­nen der Her­stel­ler dürf­ten sich in jedem Fall gelohnt haben: Sowohl Quan­t­um­s­cape als auch Solid Power sind bör­sen­no­tiert und haben zwi­schen­zeit­lich mit einer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von über einer Mil­li­ar­de Dol­lar den „Uni­corn-Sta­tus“ erreicht.

Einsatz für 3-D-Drucker

Auch Mer­ce­des hat im Rah­men sei­ner „Elec­tric only“-Strategie tief in die Taschen gegrif­fen: Im Janu­ar 2022 wei­te­te der Kon­zern mit einem hohen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag seine Koope­ra­ti­on mit dem tai­wa­ne­si­schen Anbie­ter Pro­lo­gi­um aus. Zugleich hat sich Mer­ce­des an Fac­to­ri­al Ener­gy mit Sitz im US-Bun­des­staat Mas­sa­chu­setts betei­ligt, in das auch Stellan­tis (Fiat, Peu­geot, Chrys­ler) inves­tiert hat. In Euro­pa haben vor allem die Fir­men Ilika und Blue Solu­ti­ons (Bol­lo­ré Grup­pe) mit der Ent­wick­lung eige­ner Fest­stoff­bat­te­rien auf sich auf­merk­sam gemacht. Wäh­rend Ilika mit klein­for­ma­ti­gen Pro­to­ty­pen Inves­to­ren wie Jagu­ar, Land Rover und Honda über­zeu­gen konn­te, wer­den die Poly­mer-Fest­stoff­bat­te­rie­zel­len von Blue Solu­ti­ons bereits kom­mer­zi­ell in elek­tri­schen Bus­sen (eCi­ta­ro) von Mer­ce­des ein­ge­setzt. Für den Ein­satz im Pkw ist die Tech­no­lo­gie kaum geeig­net, denn das Tem­pe­ra­tur­ver­hal­ten ver­langt ein lan­ges Vor­wär­men vor dem Betrieb.

Nicht nur Mate­ri­alin­no­va­tio­nen trei­ben die Ent­wick­lung der Fest­stoff­bat­te­rie voran, auch neue Pro­duk­ti­ons­me­tho­den könn­ten der Indus­tria­li­sie­rung einen Schub geben. So hat das kali­for­ni­sche Start-up Sakuu ein neues 3‑D-Druck­ver­fah­ren ent­wi­ckelt, mit dem sich Fest­stoff­bat­te­rien her­stel­len las­sen. Auf diese Weise will Sakuu die Bat­te­rien der nächs­ten Gene­ra­ti­on schnel­ler, güns­ti­ger und auf klei­ne­ren Flä­chen produzieren.

Kosteneffiziente Feststoffbatterien können erst dann eingeführt werden, wenn die Großserienproduktion realisierbar ist. Neue Verfahren wie der 3D-Druck könnten eine durchgängige Lösung bieten – mit den erforderlichen Einsparungen an Material, Energie und Investitionskosten.

Arwed NiestrojArwed Niestroj
Senior Vice President Mobility and Product, Sakuu

Wer am Ende die Nase vorn hat, bleibt abzu­war­ten. Dabei soll­te man die chi­ne­si­schen Her­stel­ler im Blick behal­ten. Die gro­ßen asia­ti­schen Play­er haben eine ande­re Aus­gangs­la­ge und ent­wi­ckeln so mit­un­ter ande­re Stra­te­gien beim Blick auf die Fest­stoff­bat­te­rie. So ver­sucht man dort in ers­ter Linie, die bestehen­den Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien zu opti­mie­ren. Das geschieht nicht zuletzt auch durch den suk­zes­si­ven Ein­bau von Fest­elek­tro­ly­ten, sodass die soge­nann­ten „Semi-Fest­stoff­bat­te­rien“ („semi-solid-state bat­te­ries“) ent­ste­hen. Als gro­ßer Vor­teil der chi­ne­si­schen Her­stel­ler gel­ten die dort bereits bestehen­den Giga­fa­bri­ken, in denen die Inge­nieu­re schlicht vie­les in der Pra­xis aus­pro­bie­ren können.

Welche Chancen ergeben sich für die Unternehmen?

Das dis­rup­ti­ve Poten­zi­al der Fest­stoff­bat­te­rie eröff­net aus Sicht der Exper­ten ganz neue Chan­cen für die Indus­trie. Denn wäh­rend vor allem asia­ti­sche Her­stel­ler das Geschäft mit der Lithi­um-Ionen-Bat­te­rie gemacht haben, kön­nen deut­sche und euro­päi­sche Unter­neh­men jetzt die kom­plet­te Wert­schöp­fungs­ket­te der Fest­stoff­bat­te­rie in die eige­ne Hand neh­men. Die finan­zi­el­len Aus­sich­ten seien viel­ver­spre­chend, sagen die Bera­ter von Por­sche Con­sul­ting. So belau­fe sich das Markt­po­ten­zi­al allein der Zell­her­stel­ler bis 2035 auf 200 Mil­li­ar­den Euro. Bei der Mate­ri­al- und Zulie­fer­indus­trie seien wei­te­re 150 Mil­li­ar­den Euro zu erwar­ten. Und der Maschi­nen­bau, der sich auf die Aus­rüs­tung der neuen Giga­fac­to­rys kon­zen­triert, kann mit Umsät­zen von 70 Mil­li­ar­den Euro rechnen.

Der Technologiewechsel auf Feststoffbatterien bietet eine Chance für den Einstieg von Maschinenbauern in allen Schritten des Produktionsprozesses: Bei hoher Übertragbarkeit von Lithium-Ionen-Kompetenzen für bereits etablierte Unternehmen, bei niedriger Übertragbarkeit auch für Neueinsteiger.

Dr. Sarah MichaelisDr. Sarah Michaelis
Leiterin Batterieproduktion, Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

Aller­dings müs­sen vor­her eini­ge Hemm­nis­se aus dem Weg geräumt wer­den. Denn noch sei kei­nes­falls klar, wie die Zel­len mit den ent­spre­chen­den Qua­li­täts­an­for­de­run­gen im indus­tri­el­len Maß­stab her­ge­stellt wer­den kön­nen. Auch hat der Maschi­nen­bau die Zei­chen der Zeit offen­bar noch nicht erkannt. Auf dem Stand des Jah­res 2022 gibt es schlicht keine geeig­ne­ten Seri­en­an­la­gen zur Pro­duk­ti­on von Fest­stoff­bat­te­rien. Es blei­ben also noch eini­ge Fra­gen auf dem Weg zur Fest­stoff­bat­te­rie offen. Wer als Ers­tes die pas­sen­den Ant­wor­ten lie­fert, wird am Ende das Geschäft in der Zukunft machen.

Im Bereich Lithium-Ionen-Kompetenzen führt Asien nach der ersten Halbzeit mit 2:0. Bei den Fertigungstechnologien und den Maschinen für Feststoffbatterien sollten wir in Europa die Chance nutzen, gleich in Führung zu gehen.

Gregor GrandlGregor Grandl
Senior Partner,
Porsche Consulting

 

 

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