Bauindustrie

10 Villen pro Tag

Am Bau hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vergleichsweise wenig verändert. Traditionell werden Gebäude in kleinteiliger handwerklicher Arbeit durch zahlreiche Einzelgewerke auf dem Bauplatz erstellt – mit kaum kalkulierbaren Risiken. Das könnte sich bald ändern: Wohnhäuser, Kliniken und Hotels kommen künftig aus der Fabrik. Zu den Pionieren dieser Industrialisierung zählt ein junges finnisches Unternehmen.

03/2022

„Für die industrielle Fertigung von Häusern benötigen wir eine völlig neue Produktionswelt“, sagt Admares-Geschäftsführer Mikael Hedberg beim Interview mit Porsche Consulting im Innovation Lab, Berlin. Porsche Consulting / Marco Prosch

Nach dem Regie­rungs­wech­sel zur Jah­res­wen­de 2021/2022 ent­deckt Deutsch­land das „seri­el­le Bauen“: Pro Jahr sol­len 400.000 Woh­nun­gen ent­ste­hen, vor allem in grö­ße­ren Städ­ten – in kür­zes­ter Bau­zeit mon­tiert, mit gro­ßer Pla­nungs­si­cher­heit, weni­ger Stress und ohne nen­nens­wer­ten Bau­lärm. Doch wie? Durch Vor­fer­ti­gung gro­ßer Bau­tei­le, die vor Ort nur noch mit­ein­an­der ver­schraubt werden.

Kann das gelin­gen? Schaut man nach Finn­land, lau­tet die Ant­wort: ja. Denn dort steht ein inno­va­ti­ver und sehr ambi­tio­nier­ter Spe­zia­list für die kon­se­quen­te Fabrik­fer­ti­gung unter­schied­lichs­ter Wohn­ge­bäu­de an der Start­ram­pe. Der Spa­ten­stich soll im Jahr 2022 erfol­gen. Das Unter­neh­men heißt Adma­res, sitzt in Turku an der fin­ni­schen Süd­west­küs­te und will im Nahen Osten die moderns­te Gebäu­de-Fabrik der Welt bauen. Dort sol­len ab 2024 jähr­lich bis zu 2.200 Vil­len aus Modu­len nahe­zu schlüs­sel­fer­tig pro­du­ziert wer­den. Ein der­ar­ti­ges Werk gibt es welt­weit noch nicht.

Kernteam in Berlin: Die Finnen Riku Kemppainen, Leiter Research & Development bei Admares, und Geschäftsführer Mikael Hedberg kooperieren eng mit den Beratern Matthias Möhrke und Dr. Manuel Schönwitz (von links). Porsche Consulting / Marco Prosch
Entwurf einer Admares-Villa: Klare, reduzierte Formensprache im Bauhaus-Stil erzeugt zeitlose Eleganz. Selbst auf solche außergewöhnlichen Häuser sollen Bauherren nicht lange warten, verspricht CEO Hedberg.Admares

Begon­nen hat alles als Start-up. Und von Anfang an haben die Fin­nen die Manage­ment­be­ra­tung Por­sche Con­sul­ting eng ein­ge­bun­den. Aus einem ent­schei­den­den Grund: Ihr Unter­neh­men Adma­res soll durch und durch nach dem Vor­bild des erfolg­rei­chen Stutt­gar­ter Sport­wa­gen­her­stel­lers auf­ge­stellt wer­den – das war Teil der Grün­dungs­idee. Des­halb arbei­tet das Bera­tungs­team von Por­sche in allen Pha­sen und sämt­li­chen Res­sorts mit – bei der Stra­te­gie, in der Indus­tria­li­sie­rung der Pro­duk­te, bei der Logis­tik und in der Pro­duk­ti­on gene­rell. Die deut­schen Indus­trie­ex­per­ten küm­mern sich gemein­sam mit dem Adma­res-Team um alle Kern­the­men einer Unter­neh­mens­bil­dung. Kurz: die Ent­wick­lung eines Start-ups zu einem gro­ßen Unternehmen.

Jetzt geht es in die Pra­xis: in die Ent­wick­lung der weit­ge­hend auto­ma­ti­sier­ten Smart Fac­to­ry. Und auch die ist außer­ge­wöhn­lich, zumin­dest für die tra­di­tio­nel­le Bau­in­dus­trie: Por­sche Con­sul­ting nutzt zur Rea­li­sie­rung der Fabrik moderns­te, digi­ta­le Metho­den. Ein Bei­spiel für diese Digi­ta­li­sie­rung steht in Ber­lin: In der deut­schen Haupt­stadt wer­den im Inno­va­ti­on Lab von Por­sche Con­sul­ting gemein­sam mit Adma­res Pro­dukt und Pro­zess kon­stru­iert und modelliert.

In diesem Labor wird Zukunft greifbar

Virtuell, aber absolut realistisch: Im Berliner Innovation Lab können Unternehmen in nur zwei Tagen die Grobplanung einer neuen Fabrik erstellen – gemeinsam mit Fachleuten von Porsche Consulting.  Porsche Consulting / Marco Prosch
Die deutsche Hauptstadt Berlin, Stralauer Allee 12. Direkt am Ufer der Spree steht das Innovation Lab von Porsche Consulting. Bei unserem Besuch arbeitet gerade eine interdisziplinär besetzte Gruppe von Fachleuten an der Planung einer Smart Factory für das finnische Bauunternehmen Admares. Auf zwei riesigen Monitoren werden die Produktionsstraßen der neuen Fabrik virtuell dargestellt. Augmented Reality und Virtual Reality helfen bei der Modellierung. Sämtliche Prozesse sind digitalisiert. So wird die Praxis von morgen schon heute greifbar: Schnell und höchst realistisch lassen sich Schwachstellen erkennen und beseitigen, Alternativen simulieren und Resultate sicher kalkulieren. Der Workshop mit Admares-Geschäftsführer Mikael Hedberg ist eine von mehr als 70 jeweils ein- bis dreitägigen Veranstaltungen, die seit der Eröffnung des Kompetenzzentrums im März 2020 erfolgreich abgeschlossen wurden. Die komplette Laborarbeit kann bei Bedarf auch „remote“ organisiert werden. Das ermöglicht die Kollaboration aller Teilnehmer dezentral aus dem Homeoffice heraus. „Unser Innovation Lab arbeitet nicht isoliert, es ist vollständig integriert in die Projektarbeit mit unseren Klienten“, sagt Lab-Manager Benjamin Bartoli. „Wir verstehen uns als Beschleuniger. Unterstützt durch leistungsstarke Technologie können wir den Kundenbedarf schneller identifizieren und verkürzen die Zeit bis zur Umsetzung. Die Grobplanung einer Fabrik zum Beispiel lässt sich in zwei Tagen validieren.“ Das setzt allerdings fachlich und inhaltlich eine intensive Vorbereitung der sehr individuell gestalteten Workshops voraus. Zum typischen Vorgehen im Labor gehören drei Grundelemente: technische Machbarkeit, Geschäftsrelevanz und Kunden­zentrierung. Kombiniert werden im Innovation Lab die Erfahrungen der Berater, die Technologie-Expertise und die Methodik aus dem Service-Design. Für den Workshop mit Admares zogen die Consultants weitere Spezialisten aus anderen Tochter­gesellschaften des Porsche-Konzerns hinzu: IT-Fachleute von MHP und Experten von Porsche Engineering. Ablauf und Methoden der sogenannten Design-Sprints werden individuell gewählt. Neben schnellen Iterationen und greifbaren Prototypen gehören zur Charakteristik ausgefeilte Design­methoden. Die Klienten reagieren positiv. Dr. Matthias Schubert vom TÜV Rheinland beurteilte das Ergebnis der neuen Form der Zusammenarbeit für sein Unternehmen kürzlich so: „Unterm Strich waren wir in der Hälfte der Zeit doppelt so produktiv wie sonst.“ Und Admares-Chef Hedberg resümierte zum Schluss: „Ich kann mir keinen anderen Weg als diesen vorstellen, eine neue Fabrik zu planen.“

Wandel in der Bauindustrie

Doch zunächst ein Blick zurück: Anfang 2018 begann das Manage­ment von Adma­res kon­kret über einen grund­le­gen­den Wan­del der Bau­wirt­schaft nach­zu­den­ken. Las­sen sich Gebäu­de nicht effi­zi­en­ter in modu­la­rer Bau­wei­se her­stel­len? Führt Stan­dar­di­sie­rung nicht zu bes­se­ren Pro­duk­ten, zudem schnel­ler und güns­ti­ger? Ist gleich­zei­tig eine Indi­vi­dua­li­sie­rung der Gebäu­de mög­lich – ganz nach Anspruch und Bedarf der Kun­den? Kön­nen wir Hotels, Wohn- und Kran­ken­häu­ser wie Autos bauen? „Unse­re Erkennt­nis war, dass für eine Indus­tria­li­sie­rung der Fer­ti­gung von Gebäu­den eine neue Pro­duk­ti­ons­welt gebraucht wird“, sagt Adma­res-Geschäfts­füh­rer Mika­el Hed­berg. „Wir benö­ti­gen ande­re Fabri­ken.“ Die Fin­nen kon­tak­tier­ten Por­sche Con­sul­ting. Hed­berg: „Wer kann uns bes­ser hel­fen als Por­sche mit sei­ner lang­jäh­ri­gen Erfah­rung in der Pro­duk­ti­on hoch­wer­ti­ger Sport­wa­gen, die welt­weit als Spit­zen­mar­ke gel­ten?“ Sofort war für Mat­thi­as Möhr­ke, Asso­cia­te Part­ner bei Por­sche Con­sul­ting, klar: „Wir hel­fen, diese bril­lan­te Idee Rea­li­tät wer­den zu lassen.“

Gemein­sam arbei­te­te man sich Stück für Stück vor, ent­wi­ckel­te digi­tal die Visi­on der Fabrik der Zukunft. Kein Modell aus Pappe, kein Pro­to­typ aus Metall. Um die Ent­wick­lungs­zeit mini­mal zu hal­ten setzt man voll auf vir­tu­el­les Arbeits­ma­te­ri­al: Daten, Bil­der, Ani­ma­tio­nen – alles digi­tal. „Jetzt gehen wir in die Vol­len“, sagt Mika­el Hed­berg. „Wir simu­lie­ren nun die Rea­li­tät, über­prü­fen und hin­ter­fra­gen die ein­zel­nen Funk­tio­nen im Pro­duk­ti­ons­pro­zess.“ Dazu gehört zum Bei­spiel, zu schau­en, wie die Pro­zess­ab­läu­fe der Equip­ments sind, ob War­tungs­ka­nä­le frei zugäng­lich sind und alle Fens­ter an den rich­ti­gen Stel­len geplant sind.

In sogenannten Design Sprints plant das Team von Admares und Porsche Consulting an den großen Monitoren des Innovation Lab eine Fabrik, in der alle Gebäudeteile mit höchster Präzision vorgefertigt werden. Porsche Consulting / Marco Prosch

Der größ­te Unter­schied zur Fer­ti­gungs­wei­se ande­rer Bau­un­ter­neh­men? Hed­berg: „Bis zu 100 Pro­zent der Wert­schöp­fung ent­steht in unse­rer Fabrik. Dadurch erzie­len wir höchs­te Effi­zi­enz. Die Pro­duk­ti­on der voll­stän­di­gen Häu­ser in der Fabrik bedeu­tet: Wir stel­len fer­ti­ge Pro­duk­te her, statt die Pro­jek­te erst auf der Bau­stel­le aus­zu­füh­ren.“ Die Her­stel­lung der Gebäu­de­ein­hei­ten wird in klei­ne Schrit­te zer­legt und alle hand­werk­li­chen Leis­tun­gen wer­den im Vor­feld voll­stän­dig geplant. Die Modu­le wer­den fer­tig aus­ge­baut und ent­hal­ten sämt­li­che Ver­sor­gungs­lei­tun­gen, bei­spiels­wei­se für Was­ser und Strom. Damit in der Fer­ti­gung alles feh­ler­frei klappt, muss Adma­res das gesam­te Orches­ter an Zulie­fe­rern inte­grie­ren. Grö­ße­re Lie­fer­ket­ten außer­halb der Fabrik darf und wird es nicht geben. Vor Ort, auf dem Bau­grund­stück für das jeweils neue Gebäu­de, wer­den dann nur noch letz­te Arbeits­schrit­te aus­ge­führt, etwa die so genann­ten Plug- &-Play-Verbindungen von Raum­mo­du­len und Gebäu­de­kern­ele­men­ten. Oder der Anschluss der fer­tig mon­tier­ten Ver­sor­gungs­lei­tun­gen an die öffent­li­chen Netze. Möhr­ke: „Adma­res wird die Con­struc­tion Indus­try revo­lu­tio­nie­ren wie einst Henry Ford mit der Fließ­band­fer­ti­gung den Automobilbau.“

Ein „Schock“ für die Branche

Die Vor­tei­le die­ser Fer­ti­gungs­wei­se für den Bau­her­ren als Auf­trag­ge­ber lie­gen auf der Hand. Wenn alles klappt, ver­kürzt sich die Gesamt­bau­zeit für ein Gebäu­de auf ein Mini­mum. Ein Hotel etwa soll nach sechs Wochen Mon­ta­ge bezugs­fer­tig an den Betrei­ber über­ge­ben wer­den. Und die Bau­kos­ten für ein Gebäu­de sin­ken dank gestei­ger­ter Effi­zi­enz um durch­schnitt­lich etwa 30 Pro­zent. Mika­el Hed­berg erwar­tet, dass sein Unter­neh­men als Modu­lar­bau-Pro­du­zent mit indus­tri­el­lem Zuschnitt für viel Auf­merk­sam­keit in der Hoch­bau­bran­che sor­gen wird: „Das könn­te bei man­chem Wett­be­wer­ber einen Schock aus­lö­sen“, ver­mu­tet der Finne.

Adma­res will Zei­chen set­zen und hat ehr­gei­zi­ge Ziele. „In den nächs­ten fünf Jah­ren wer­den wir kräf­tig wach­sen“, gibt CEO Hed­berg die Rich­tung vor. Dazu gehö­re die Eröff­nung wei­te­rer Stand­or­te. Der ers­ten Fabrik in Midd­le East, die eine Blau­pau­se für wei­te­re Werke dar­stel­len wird, soll der Sprung auf den nord­ame­ri­ka­ni­schen Markt fol­gen. Auch Euro­pa haben die Fin­nen im Auge. Des­halb ver­fol­gen Adma­res und Por­sche Con­sul­ting bei der Fabrik­ent­wick­lung einen ska­lier­ba­ren Ansatz. Das Ziel ist, je nach Anfor­de­rung und Regi­on die Wert­schöp­fungs­pro­zes­se in der Fabrik zu optimieren.

 

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