Mobilität

Flugtaxis: Jetzt wird gerechnet

Start-ups haben mit ihren Flugtaxi-Konzepten die Investoren begeistert, einige Anbieter sind schon an der Börse. Nun muss die gesamte Branche ihre Hausaufgaben machen: Wie werden die Geschäftsmodelle tragfähig?

03/2022

Vertikale Mobilität: In nicht allzu ferner Zukunft gehören Flugtaxis zu unserem Alltag. Porsche Consulting / Clara Philippzig

Joby Avia­ti­on, Lili­um, Volo­cop­ter, Archer, Ver­ti­cal Aero­space, Electra.aero: Die Liste der Unter­neh­men, die elek­trisch ange­trie­be­ne Flug­ta­xis zu einem künf­ti­gen Fort­be­we­gungs­mit­tel für brei­te Bevöl­ke­rungs­krei­se machen wol­len und dazu Mil­li­ar­den ein­ge­sam­melt haben, ist im Jahr 2021 kon­ti­nu­ier­lich gewach­sen. Welt­weit neh­men mitt­ler­wei­le mehr als 100 Her­stel­ler am Ren­nen um das erste funk­tio­nie­ren­de Kon­zept teil. Ihre gemein­sa­me Visi­on lau­tet, neur­al­gi­sche Ver­kehrs­kno­ten­punk­te zu ent­schär­fen. Wie? Indem Pas­sa­gie­re ein emis­si­ons­frei­es Luft­ta­xi genau­so ein­fach buchen kön­nen wie heute ein Taxi auf der Stra­ße.

Das nöti­ge Start­ka­pi­tal besorg­ten sich die jun­gen Unter­neh­men bei tra­di­tio­nel­len Inves­to­ren­run­den mit Wag­nis­ka­pi­tal­ge­bern, Pri­va­te-Equi­ty-Fir­men oder stra­te­gi­schen Inves­to­ren. Außer­dem betei­lig­ten sich eta­blier­te Part­ner wie die Flug­ge­sell­schaft Ame­ri­can Air­lines oder Auto­her­stel­ler wie Toyo­ta (Japan) und Geely (China). Doch vor allem Bör­sen­gän­ge sorg­ten für Schlag­zei­len: Man­tel­ge­sell­schaf­ten (SPACs) sam­mel­ten Kapi­tal ein, das in die jun­gen Unter­neh­men inves­tiert wurde. Allei­ne in den ers­ten drei Quar­ta­len des Jah­res 2021 flos­sen rund sechs Mil­li­ar­den US-Dol­lar in die Kas­sen der Flug­ta­xi­her­stel­ler. Addiert man die Inves­ti­tio­nen seit 2015, hat die Bran­che in die­sem Zeit­raum fast sie­ben Mil­li­ar­den US-Dol­lar auf sich zie­hen kön­nen.

Ohne Ökosystem kein Start

„Auf den Hype an den Finanz­märk­ten müs­sen bis zum Jahr 2025 kon­kre­te Schrit­te fol­gen, um ver­ti­ka­le Mobi­li­tät zum Erfolg zu füh­ren“, sagt Gre­gor Grandl, Seni­or Part­ner bei Por­sche Con­sul­ting. Er hat in der Stu­die „The Eco­no­mics of Ver­ti­cal Mobi­li­ty“ den Flug­plan zur Wirt­schaft­lich­keit von Flug­ta­xis ana­ly­siert und einen Weg zur schritt­wei­sen Rea­li­sie­rung skiz­ziert. Der beginnt mit ers­ten kom­mer­zi­el­len Flü­gen vor­aus­sicht­lich in der Mitte des Jahr­zehnts. Sein Fazit: Für kurze bis mit­tel­lan­ge Stre­cken ab 20 Kilo­me­tern könn­ten elek­tri­sche Pas­sa­gier­droh­nen durch­aus ein rele­van­tes Ange­bot wer­den. Dafür muss sich das gesam­te Öko­sys­tem aus Hard­ware, Infra­struk­tur und Ser­vices zügig vom Proof of Con­cept zum ope­ra­ti­ven Betrieb ent­wi­ckeln.

„Glück­wunsch an die­je­ni­gen, die es so weit geschafft und ihre Finan­zie­rungs­run­den abge­schlos­sen haben“, sagt Grandl. „Jetzt müs­sen alle ihre Haus­auf­ga­ben machen, um das Tal der Trä­nen zu über­le­ben. Nur dann kann ver­ti­ka­le Mobi­li­tät die hohen Ver­spre­chun­gen ein­lö­sen und zum Bestand­teil des Ver­kehrs­net­zes von mor­gen wer­den.“

Das Poten­zi­al ist durch­aus vor­han­den, um in den nächs­ten 15 Jah­ren ein neues und nach­hal­ti­ges Fort­be­we­gungs­mit­tel zu eta­blie­ren. Nach der oben genann­ten Stu­die von Por­sche Con­sul­ting wird der Markt für ver­ti­ka­le Mobi­li­tät bis zum Jahr 2035 rund 32 Mil­li­ar­den US-Dol­lar umfas­sen. Dazu sind aller­dings Inves­ti­tio­nen von min­des­tens 20 Mil­li­ar­den US-Dol­lar not­wen­dig. Damit die ers­ten Stre­cken bereits ab Mitte die­ses Jahr­zehnts beflo­gen wer­den kön­nen, müs­sen die Her­stel­ler der eVTOLs (elec­tric Ver­ti­cal Take-Off and Lan­ding air­craft) fünf bis zehn Mil­li­ar­den US-Dol­lar in deren Ent­wick­lung inves­tie­ren. Wei­te­re Inves­ti­tio­nen haben die Anbie­ter von Infra­struk­tur und Dienst­leis­tun­gen zu stem­men. Außer­dem ist noch unklar, so die Stu­die, ob bis dahin die not­wen­di­gen gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sowie die erfor­der­li­che Infra­struk­tur vor­han­den sein wer­den.

Drei Herausforderungen

Die erste dring­li­che Auf­ga­be besteht in der Ent­wick­lung und Zulas­sung ver­läss­li­cher Hard­ware. „Wir erle­ben gegen­wär­tig einen Kon­zept- und Zulas­sungs­wett­be­werb, bei dem von mehr als 100 Play­ern vor­aus­sicht­lich nur fünf bis zehn ins Ziel kom­men wer­den“, lau­tet die Pro­gno­se von Exper­te Gre­gor Grandl. „Meh­re­re Kon­zep­te haben sich durch­ge­setzt. Her­stel­ler müs­sen jetzt nicht nur die tech­ni­sche Mach­bar­keit nach­wei­sen. Sie müs­sen vor allem auch nach­voll­zieh­bar bele­gen, dass sich mit dem neuen Ver­kehrs­mit­tel Geld ver­die­nen lässt.“

Eng mit der tech­ni­schen Wei­ter­ent­wick­lung der Flug­ge­rä­te hängt auch die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz zusam­men: Die Bran­che wird nur dann erfolg­reich sein, wenn es gelingt, die Beden­ken der Bevöl­ke­rung mit nach­voll­zieh­ba­ren Argu­men­ten zu ent­kräf­ten. Das betrifft vor allem den siche­ren Betrieb, den Nut­zen von Flug­ta­xis – und Umwelt­fol­gen wie bei­spiels­wei­se die Geräusch­ent­wick­lung durch Roto­ren.

Preisgünstigere Herstellung und bessere Qualität: Flugtaxis (eVTOL) wandeln sich vom Gadget für Wohlhabende zum Fortbewegungsmittel für jedermann. Porsche Consulting / Clara Philippzig

Die zwei­te unmit­tel­ba­re Her­aus­for­de­rung besteht darin, aus Start-ups pro­fes­sio­nel­le Unter­neh­men zu machen – High-Per­for­mance-Orga­ni­sa­tio­nen nennt Manage­ment­be­ra­ter Grandl das. Im Mit­tel­punkt dabei: die Kos­ten in den Griff bekom­men, schnell und effi­zi­ent arbei­ten, gleich­zei­tig die Hard­ware­kos­ten nied­rig hal­ten, ein eige­nes Pro­duk­ti­ons­netz­werk auf­bau­en sowie den Ser­vice­be­trieb inklu­si­ve Repa­ra­tu­ren und Über­ho­lung der Flug­ta­xi­flot­te vor­be­rei­ten.

Bis 2035 wer­den schät­zungs­wei­se 15.000 Luft­ta­xis welt­weit im Ein­satz sein, ergibt die aus­führ­li­che Kal­ku­la­ti­on der Stu­die, die drei unter­schied­li­che Sze­na­ri­en im Detail betrach­tet. Dabei wer­den ein­zel­ne Her­stel­ler nicht mehr als 1.000 Klein­flug­zeu­ge im Jahr pro­du­zie­ren. „Die Stück­zah­len wer­den so klein sein, dass jeder Her­stel­ler nur an einem ein­zi­gen Stand­ort welt­weit wirt­schaft­lich pro­du­ziert“, erklärt Grandl. „Von dort aus müs­sen sich Lie­fe­ran­ten und Abneh­mer bedie­nen las­sen. Das stellt unge­wöhn­lich hohe Ansprü­che an die Sup­ply Chain.“ Anders als kom­mer­zi­el­le Jets, die für grö­ße­re War­tungs- und Über­ho­lungs­ar­bei­ten an zen­tra­le Stand­or­te geflo­gen wer­den, kön­nen eVTOLs nur regio­nal gewar­tet wer­den. Dar­aus folgt: Die Anbie­ter müs­sen in allen ihren Geschäfts­ge­bie­ten eige­ne Werk­stät­ten auf­bau­en.

Die drit­te Auf­ga­be geht über den Kreis der Hard­ware­her­stel­ler hin­aus. Sie lau­tet, rasch ein kom­plet­tes Öko­sys­tem mit Trans­port­dienst­leis­tern und Ser­vice­an­bie­tern auf­zu­bau­en, um ver­ti­ka­le Mobi­li­tät attrak­tiv zu machen. Für eine rele­van­te Markt­grö­ße im Jahr 2035, so die Stu­die, müss­ten min­des­tens eine halbe Mil­li­on Pas­sa­gie­re pro Tag Flug­ta­xis in Anspruch neh­men und 1.000 bis 2.500 Start- und Lan­de­plät­ze in bis zu 60 geeig­ne­ten Städ­ten welt­weit ent­ste­hen.

Neue Infrastruktur: Durch eine bessere Einbindung ins Verkehrsnetz können in Zukunft mehr als 500.000 Kunden am Tag befördert werden.Porsche Consulting / Clara Philippzig

Schließ­lich bedarf es des Auf­baus der nöti­gen Infra­struk­tur an Start- und Lan­de­plät­zen (Ver­ti­ports) sowie von Lade­säu­len und nicht zuletzt der Zulas­sung der ers­ten Stre­cken, um das neue Flug­ge­rät über­haupt zum Ein­satz zu brin­gen und Umsät­ze zu gene­rie­ren. Geschieht das nicht schnell genug, brau­chen die Her­stel­ler zusätz­li­ches Kapi­tal und ris­kie­ren dabei, die Geduld ihrer Inves­to­ren zu erschöp­fen. Je näher die Rea­li­tät rückt, umso mehr Trans­pa­renz wird ver­langt: „Wer den Bör­sen­gang gewählt hat, unter­liegt stren­ge­ren Aus­kunfts­pflich­ten als ande­re Start-ups“, gibt Grandl zu beden­ken.

Startfreigabe in Sicht

Rele­van­te Play­er in den Seg­men­ten Hard­ware, Infra­struk­tur und Ser­vice müs­sen eine schlüs­si­ge Stra­te­gie ent­wi­ckeln, wann sie in wel­che Märk­te ein­stei­gen. Also wie sie eine Balan­ce zwi­schen regio­na­ler Prä­senz und Inter­na­tio­na­li­sie­rung ange­hen. Stand­or­te wie Hong­kong oder Los Ange­les haben bereits begon­nen, mit kom­mer­zi­el­len Part­nern wie Volo­cop­ter neue Kon­zep­te aus­zu­lo­ten, wie sich Flug­ta­xis in bestehen­de Ver­kehrs­sys­te­me ein­fü­gen könn­ten. Damit dies gelingt, sind ope­ra­ti­ve Kom­pe­tenz und ein über­zeu­gen­des Kun­den­er­leb­nis unab­ding­bar – von der ein­fa­chen Buchung und Ent­sen­dung der Flug­ta­xis bis zu ihrer zeit­na­hen War­tung. Par­al­lel dazu muss die Lad­ein­fra­struk­tur rasch aus­ge­baut und der Bau von Ver­ti­ports beschleu­nigt wer­den, etwa mit modu­la­ren Kon­zep­ten. Künf­ti­ge Betrei­ber von Ver­ti­ports sind außer­dem gefragt, inno­va­ti­ve Geschäfts­mo­del­le für Ein­zel­han­del und Gas­tro­no­mie zu ent­wi­ckeln und ande­re Ver­kehrs­mit­tel zu inte­grie­ren.

Auf dem Weg zum Massenmarkt: Experten schätzen, dass ein Flug mit dem Lufttaxi im Jahr 2035 nicht mehr kostet als heute eine Taxifahrt im Auto.Porsche Consulting / Clara Philippzig

Das Pen­sum an Auf­ga­ben ist enorm groß und viel­fäl­tig. Den­noch: Elek­tri­sche Flug­ta­xis kön­nen zu einer sinn­vol­len und zukunfts­ge­rech­ten Ergän­zung der bestehen­den Ver­kehrs­sys­te­me wer­den, die für brei­te Nut­zer­schich­ten attrak­tiv und erschwing­lich ist, resü­miert die Stu­die von Por­sche Con­sul­ting. „Ver­ti­ka­le Mobi­li­tät wird sich schritt­wei­se ent­wi­ckeln, statt expo­nen­ti­ell zu wach­sen“, sagt Gre­gor Grandl. Der Exper­te ist über­zeugt: „Flug­ta­xis wer­den die Start­frei­ga­be erhal­ten.“

Kompetenter Rat für einen erfolgreichen Take-off


Porsche Consulting besitzt die Expertise und das nötige Netzwerk, um Unternehmen und Investoren auf dem Gebiet der vertikalen Mobilität kompetent zu beraten. Die Managementberater unterstützen den Prozess von der Entwicklung der Strategie bis zur Operationalisierung des Geschäftsmodells: Lufttaxi-Hersteller können auf dieses Wissen zurückgreifen, um vom Business Case zur Operationalisierung zu gelangen. Investoren und Betreiber von Vertiports bekommen Antworten auf Fragen rund um die Auswahl der richtigen Standorte, den Aufbau von Ladeinfrastruktur oder die Anbindung an das bestehende Verkehrsnetz. Außerdem erhalten sie Einsichten zum innerstädtischen Verkehr und zu operativer Exzellenz. Reiseanbieter kann Porsche Consulting zu beispielhaftem Betrieb und überzeugendem Kundenerlebnis beraten – und sie bei der Integration und Vernetzung aller Verkehrsträger unterstützen.
Unternehmen können sich mit dem Weg zur High-Performance-Organisation vertraut machen und Effizienzprogramme ausloten. Beim Thema Hardware lohnt sich ein Blick auf Studien zur Modularisierung von Industriegütern, der Produktkostenoptimierung, die Erfolgsformel 911 und das intelligente Lieferantenmanagement. Lesenswert sind auch Papiere zur Lean Production bei Airbus und Porsche. Weitere Studien drehen sich um die Smart Factory, Fragen der vernetzten Supply Chain, der Logistikkosten und den Einkauf. Relevant sind außerdem White Papers zum prädikativen Asset Management und zur Skalierung im Flugtaximarkt. Einsichten für den Service bieten Untersuchungen zur Strategiearbeit, New Urban Mobility, Micromobilität und Servitization. Weiterführendes gibt es außerdem zu Service & Operational Excellence aus Kundensicht und zu den Bestandteilen einer erfolgreichen Service-Plattform. Nicht vergessen sollte man das Schlüsselthema soziale Akzeptanz einer Marke. Fragen rund um die Infrastruktur der vertikalen Mobilität beleuchten Studien aus der Autoindustrie, der Bauindustrie und Untersuchungen zu innovativen Geschäftsmodellen nach der Corona-Pandemie. Die Attraktivität von Flughäfen und das Stakeholder Management im Zeichen der Nachhaltigkeit sind zwei weitere wichtige Themen in der Diskussion der vertikalen Mobilität.
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